Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Die Kehrseite der Konjunktur
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 167 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Kehrseile der Konjunktur vater in kaum zehn Gedichtzeilen zu finden ist. Dann kommt das weite Gebiet der nichtjüdischen Dichter und Denker, deren Werke jüdische, meist biblische, Stoffe behandeln oder die jüdische Freunde hatten oder durch Juden gefördert wurden; anläßlich von Pirandellos Tod kann man z. B. einen Aufsatz darüber loswerden, daß Reinhardt die „Sechs Personen*1 uraufgeführt und Stefan Zweig ein anderes Drama übersetzt hat; Lord Byron wieder hat hebräische Melodien und einen ,Kain' geschrieben, Shakespeare den Shylock, Lessing den Nathan, Hebbel Judith und Herodes und Mariamne und Fontane: „Kommen Sie, Cohn!" Aber auch hier müßte man zu tief schürfen, um was Rechtes auszubuddeln. Es würde sich allerdings lohnen, z. B den Cervantes so anzupacken; er ist 55 Jahre nach der Judenaustreibung aus Spanien geboren, hat höchstens während seiner afrikanischen Gefangenschaft Juden gesehen, und in seinem Gesamtwerk tritt nur ein Jude auf, ein Sklavenhändler, der die sizilianische Geliebte des „großmütigen Liebhabers" (in den Exemplarischen Novellen) an die Türken verkauft; aber um diesen herrlichen Stoff von der jüdischen Nebenfigur aus recht darzustellen, müßte man nicht nur den Cervantes gut kennen, sein Leben, sein Werk, seine Umwelt, sondern auch wissen, was kaum einer weiß, wie nebenfigürlich, wie levantinisch die Rolle der Juden im 16. Jahrhundert ist. Kurzum, das alles ist schwierig, schwer erarbeitbar und nicht eben lohnend. Da man aber auf derlei Stoffe angewiesen ist, um am Leben zu bleiben, orientiert man sich jüdisch, so leicht es geht, aus zweiter Hand. Da man an die biblischen Quellen nicht herankommt, genügt auch Auerbachs „Wüste und Gelobtes Land", für die Geschichte Graetz und Dubnow, für den Chassidismus Bubers Schocken-Bändchen usw. Schließlich sind auch die Anforderungen nicht mehr sehr hoch. Der Kulturbundbesucher hat keine Möglichkeit, sein einziges Theater mit Reinhardt oder der Habima zu vergleichen, und der Dilettant, der einen jüdischen Roman verfaßt, hat nicht mehr neben dem oder jenem ausgewanderten Romanvirtuosen zu bestehen. Die wenigen Männer von eigenem Niveau werden durch übermäßige und eiskalte Obenhin-Belobigungen hors de concours gesetzt, eine Stubenatmosphäre fördert man durch Schließen der Fenster auch von innen, und blitzt noch hier und da ein Fünkchen vom alten Esprit auf, so beginnt die bravgesinnte Mittelmäßigkeit der Maßgeblichen unter der jüdischen Leserschaft zu fauchen, bis der Schreiber wieder pietätvoll fromm in den Pferch heimkehrt, Freitagabendstimmungen oder über just Verstorbene oder Jubilare nil nisi bene schreibt. Der Einbruch des Dilettantismus in die Literatur hat zudem noch ein Sinken der Sprachzucht zur Folge, die Vorbilder eigenen, gefeilten oder auch nur gebildeten, bewußten und verantwortlichen Sichaus- 167