Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Die Kehrseite der Konjunktur
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 168 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch: Die Kehrseite der Konjunktur drückens sind kaum noch zu sehen, man kommt mit dem Breittreten spärlicher Schlagworte aus und kultiviert ein Allerweltsidiom, das Stilblüten, Pleonasmen, Tautologien, Fehler gegen die Grammatik und den Wohllaut zieren. Und doch ist es durchaus nicht nur Trägheit, die das Umdenkenlernen verhindert Der bestechende und wenig verbindliche Geisteskomfort des modernen Europa, den die alten Rabbanim und die östlichen Geister überhaupt entbehren, scheint schwer entbehrlich zu sein. Schopenhauer kann man lesen, Raschi oder Rambam nur lernen, und die Tora müßte man auswendig können. Die reine "jüdische Literatur hat für . den modernen Menschen den peinlichen Fehler, genau so unbelletristisch wie unwissenschaftlich zu sein. Die noch bis in Rabbi Akiba Egers Responsen, ja bis in Mendele Mocher Sforims Reflexionen hineinreichende talmudische Vortragsmethode unterscheidet sich von der Schreibweise des modernen Zeitungsschreibers (und -lesers) noch krasser als Klopstocks Messias vom modernen Operettenschlager. Die meisten plötzlich aufs Judentum Angewiesenen kommen sich wohl häufig genug vor wie auf ein Dorf im Fernen Osten verschlagen. Seit eh und je kann es etwas ebenso Natürliches wie Großartiges sein, einmal ins geistige China unterzutauchen, — für den hochliterarischen Dr. Cohn, Levi oder Meier vom X-Blatt oder Y-Verlag ist Lao Tse wie Ghandi, der Baal Schern wie der Chof ez Chajim sowohl zu hoch als auch zu primitiv. Das alles wäre die Rede nicht wert, wenn es nur die Lebensfrage der paar nolens volens jüdischen Autoren hierzulande wäre; es ist aber das schwere Problem der aus der alten Bahn geworfenen Juden aller Länder. Die haben verlernt, jüdisch zu denken, darum können sie nicht jüdisch schreiben. Und während die jüdischen Sprachen dem Umfang und den Methoden europäischen Denkens nicht (noch nicht?) gewachsen sind, versagen die europäischen Sprachen sich dem Ernst, der Tiefe, der Einheit des östlichen, auch des jüdischen Denkens. In einem europäischen Bücherschrank oder Gehirnfach sinken die Tora, Upanishad und Taoteking zur feineren Unterhaltung neben dem Hamlet, Faust und Zarathustra herab: ohne die Verbindlichkeit fürs Leben, um derentwillen sie existieren. Man kann nicht jüdisch schreiben, wenn man nicht jüdisch lebt. Aber wenn man jüdisch leben kann, so kann mans hier wie allenthalben, und so kann man auch jüdisch schreiben. Ob man es kann, ist allerdings eine Frage, die nur jeder Einzelne zu beantworten vermag, für sich und für uns, mit seinem ganzen Herzen, mit seiner ganzen Seele und mit seinem ganzen Vermögen. Man muß nur etwas können, etwas schaffen, etwas tun: dann vereinen sich erstaunlicherweise mit natürlicher Leichtigkeit die Dinge, die im leeren Raum der Abstraktion so hart sich stoßen. 168