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Der Morgen · 1938-07-01 · Heft 4 (Juli 1938) · p. 166

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 4 (Juli 1938)
Article
Die Kehrseite der Konjunktur
Date
1938-07-01
Page
166 (sequence 4)
Language
German
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Leo Hirsch einen historischen Roman, so könnte er vom Erlös allenfalls die Miete für neun Monate seiner Arbeitszeit bestreiten. Für einen Schriftsteller, der von seiner Arbeit leben muß, ist es also, wenn er nicht schludern will und kein Edgar Wallace ist, nicht gut möglich. Der nichthistorische Roman erfordert vielleicht weniger Arbeit, stößt aber auf andere, meist bedenklichere Stoffschwierigkeiten. Aus all diesen und weiteren Schwierigkeiten haben die meisten Verleger die tapferste Konsequenz gezogen: sie haben sich zurückgezogen. Man schreibt also kleinere Sachen, doch aus den gleichen Gründen wie beim Roman wenig Novellen, Skizzen, Feuilletons und überhaupt keine Dramen. Das erste, worauf man sich stürzt, sind gewöhnlich Reportagen. Aber selbst hier ist das Stoffgebiet eng, es ist mit der Darstellung der jüdischen Alters- und Jugendheime, der Abfahrt von Chaluzim oder andern Auswanderern fast schon erschöpft, denn zur Behandlung religiöser Themen muß man mehr wissen, als man gemeinhin weiß, und wer über Friedhöfe schreibt, muß doch wenigstens hebräische Grabinschriften entziffern können. An diesem'Wissensmangel leiden die meisten jüdischen Autoren: sie können nur deutsch lesen. Infolgedessen ist ihnen die jüdische Welt fast verschlossen. Sie gucken noch einmal in die Bibel, aber nur die Luther-Übersetzung ist ihnen halbwegs zugänglich. Gehen sie schön in die Bibliothek und greifen sie sich schon einen Band von Lazarus Goldschmidts Talmud-Übertragung heraus, den sie nicht einmal nach Haus mitnehmen dürfen, so geben sie die Lektüre doch nach den ersten zwanzig Seiten auf, weil sie schwierig ist und weil ihnen der Elan und die Wissensvorbedingungen fehlen; was haften bleibt, sind bestenfalls ein paar Aggadot oder Midraschim, immer die gleichen, die schon Berthold Auerbach oder ein christlicher Autor zitiert hat. Von der späteren hebräischen Literatur weiß man nichts mehr, denn um selbst die von Geiger, Heller, Zunz, Kayserling übersetzten mittelalterlichen Lyriker zu kennen, muß man wissen, daß sie übersetzt und wo sie zu finden sind. Man muß doch aber leben, also wirft man sich auf die jüdischen Autoren deutscher Sprache, mit dem Erfolg, daß die nebensächlichsten Namen über Gebühr groß gemacht werden: Süßkind von Trimberg, der Epigrammatiker Kuh, Michael Beer, Franzos, Kompert werden Heroen, Moses Mendelssohn steigt über Spinoza, und über Heine vollends wird unermüdlich nachgebetet, ohne daß übrigens neues Material oder neue Gedanken zutage gefördert würden. Schnitzler, Wassermann, Moritz Heimann werden heilig gesprochen. Da die Anzahl der Juden in der allgemeinen Literatur gering ist, nimmt man auch mit Halbjuden fürlieb, und es gibt kein beliebteres Thema literarkritischer Betrachtungen als Hugo von Hofmannsthal, dessen Jüdischkeit abgesehen von seinem Groß- 166

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