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Der Morgen · 1938-07-01 · Heft 4 (Juli 1938) · p. 165

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 4 (Juli 1938)
Article
Die Kehrseite der Konjunktur
Date
1938-07-01
Page
165 (sequence 3)
Language
German
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Die Kehrseite der Konjunktur auf der jüdischen Gaß Jiddisch und Hebräisch, Tora, Raschi, Mischna, Talmud, Schulchan Aruch usw. von Grund auf lernte und dann erst wieder auf das jüdische Publikum losgelassen würde. Denn alle diese Dinge, dazu die Kenntnis der jüdischen Geschichte und des jüdischen Lebens erwartet man doch eigentlich als selbstverständliche Voraussetzung von ihm. Aber praktisch ist unmöglich, denn der jüdische Schriftsteller ist zu alt, um so zu lernen, und vielleicht sind auch die Lehrmethoden zu alt für ihn; er ist zu faul, um soviel Zeit fürs Lernen aufzubringen, und hat zu wenig Zeit, um so fleißig zu sein; er ist zu arm, um nicht jeden Tag hier Geld verdienen zu müssen; er hat auch zu wenig Respekt vor seiner Aufgabe, zuviel Vertrauen, es werde auch so gehen und, wenn nicht, so käme es auch nicht darauf an, man lebt ja doch nur auf Abruf und Abbruch...?! Also schreibt man irgend etwas. Man denkt natürlich an das Gesetz von Angebot und Nachfrage, fragt, was gefragt ist, und es zeigt sich, daß Romane gefragt sind. Und schon fangen die Nöte an, es gibt Grenzen des Stofflichen, des Stils, der Analogik, man muß sehr behutsam schreiben. Historische Romane kommen in Betracht, aber die Vorarbeiten dafür sind kompliziert; trotz Graetz, Dubnow und mancher Gemeindegeschichte ist das historische Material über fast alle nachtalmudischen Jahrhunderte jüdischer Geschichte teils — größtenteils — kaum registriert und vorbearbeitet, teils schwer zugänglich, nur in ungenannten Sprachen oder in Handschriften verfügbar. Wer einen ordentlichen Roman schreiben will, muß also vorher eine ordentliche Historikerleistung vollbracht haben, und daneben kommt er eigentlich wieder nicht ohne die Jeschiwa aus. Wer kann dem jüdischen Schriftsteller diese Arbeit zahlen? Nehmen wir selbst an, ein Verleger würde sie bevorschussen können, so besteht doch sogar bei einem ungeheuren Erfolg des Buches, bei einer Maximalauflage von 10 000 Exemplaren, keine Möglichkeit, die Arbeit entsprechend zu bezahlen. Aber keiner unserer Verleger kann zunächst mit mehr als 3000 kalkulieren, die Absatzmöglichkeit ist gering, die Verarmung groß, die Abneigung gegen das Lesen besonderer jüdischer Stoffe im Wachsen. Darum ergibt sich folgendes Bild von der jüdischen Romanproduktion von 1933 bis 1937: von fünfzehn in Buchform vorliegenden Romanen sind vier von Nichtschriftstellern (Kaufleuten u. a.) verfaßt, acht von Berufsschriftstellern, die nicht hier leben, sechs von verstorbenen Autoren (Neuauflagen), fünf nicht mehr tantiemepflichtig; über die Tantieme-Vereinbarungen und Zahlungsweisen in den übrigen Fällen ist hier nicht zu sprechen. Die beste der vorhandenen Chancen sieht einen garantierbaren Absatz von 5000 Exemplaren, aber nur ca. 5 % Tantieme vor, Buchpreise ca. 3,50 RM.; nehmen wir an, der Autor schriebe unter diesen Bedingungen 165

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