Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Die Kehrseite der Konjunktur
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 164 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch düngen und ähnliche Feste so viel, daß er sogar auf unsere Zeitungen pfeifen kann, sie aber nicht auf ihn, denn er ist seit Jahr und Tag Großinserent, so daß kaum ein jüdisches Blatt sich's leisten kann, ohne seine Annonce: „Dichter-Kaiser — Ihr Dichter!" (folgen seine Spezialitäten und die Adresse) zu erscheinen. Wer nicht „Ihr" Dichter ist, hat's schon schwerer, anstatt Familien und ihre Feste kann er nur die allgemeinen jüdischen Feier- und Trauertage bedichten, was nicht ungern gesehen wird, aber bei der spärlichen Anzahl von Gelegenheiten und ihrer jährlichen, unvermeidlichen Wiederkehr zwar als Verdienst, aber nicht als Lebensbeschäftigung ausreicht. Auch die andern Bedichtungsanlässe, vornehmlich die biblischen Figuren, reichen nicht recht aus; hier kommt peinlicherweise noch die Konkurrenz hinzu, so daß Jakob, David, Ruth, Mirjam usw. in der über sie ergossenen Titelpoesie eigentlich längst ertrunken sein müßten, wären sie nicht aus dauerhaftem Geschlecht. Prosa ist vulgärer, also hat der jüdische Prosaschreiber die viel größere, ungereimte Konkurrenz zu bestehen, da es unter uns kaum jemand gibt, der nicht schreiben gelernt hat. Es ist eine fatale Situation: im Interesse der Schreiber wäre es natürlich das Beste, es gäbe außer ihnen nur Analphabeten, aber dann hätten sie keine Leser; so läßt man jedes Kind lesen und schreiben lernen und erzieht sich lauter Schreiber. Vornehmlich mancher Rabbiner, Rechtsanwalt und Vereinsmeier hat ununterbrochen und unbekümmert was zu schreiben, besonders wenn er nichts zu sagen hat. Zahllose Damen haben ihren Kochtopf und das Bridge verlassen und schreiben. Die Wandlung unserer jüdischen Zustände in den letzten Jahren hat den Tinten- und Farbband- Konsum beträchtlich gesteigert. Die jüdischen Zeitungen und Bücher werden jetzt zu einem großen Teil von Unzünftigen geschrieben. Das hat viele Zünftige verwirrt, der Hang zur Unzünftigkeit hat sie angesteckt, und kopfüber stürzen auch sie sich auf Gebiete, von denen sie nichts verstehen. Ein Journalist, der zwanzig oder vierzig Jahre lang für ein Boulevardblatt über Ballettkostüme und Variete-Premieren schrieb, verfaßt nun eine Novelle von der Zerstörung Jerusalems, der juristische Fachmann schreibt über jüdisches Theater, der Kulissenfachmann über Spinoza und Chassidismus, der Filmfinanzschriftsteller über jüdische Moral — auch das alles ist leider Umschichtung, und wenn nur was Rechtes dabei zustande käme, wäre es großartig. Tatsächlich hat der Schreiber es auch sehr schwer. Was er auch vor dem Umschwung geschrieben hat, es war kaum was Jüdisches. Nun erwartet er von sich und man von ihm die Renaissance der 'jüdischen Kultur. Wie macht man das? Am sichersten wäre es, wenn jeder jüdische Schriftsteller für ein paar Jahre in den Osten ginge, im Cheder, in der Jeschiwa und 164