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Der Morgen · 1938-07-01 · Heft 4 (Juli 1938) · p. 162

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 4 (Juli 1938)
Article
Umgang mit Kindern
Date
1938-07-01
Page
162 (sequence 5)
Language
German
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Suse Michael: Umgang mit Kindern es verständlich wird, daß man etwa als Mücke zur Stillung des Hungers vom Blut eines Warmblütlers trinken muß, was diesem einen schmerzhaften Stich verursacht, so wird das Kind auch Stellen in ihm selbst ansehen lernen, die ihm Schmerz oder Unbehagen bereiten. Und wenn Erziehung bedeutet, ein Wesen zu seinem Ziele gänzlich werden zu lassen, so bedeutet sie auch, daß ein Kind in seiner Gesamtheit, mit dem guten und dem bösen Trieb seines Herzens, gänzlich sein und leben lernt. Das heißt auch aus den scheinbar widerstreitenden Gefühlen und Einfällen oder gar den bösen Absichten unvoreingenommen herauszufinden suchen, was mit diesen gemeint sein kann als Ausdruck einer eingeborenen Kraft zu menschlicher Vollendung. Ein Kind riß häufig kleinen Insekten, zuweilen sogar größeren Tieren ein Bein aus und fragte dann, ob man sie nicht »aus Menschlichkeit« nun töten müsse. Auf der anderen Seite gab es kein schlecht behütetes Lebewesen in der Umgegend, das es nicht gern und sorgfältig in Pflege genommen hätte. Dieses Kind hörte eines Tages von einer tibetanischen Mönchgemeinde erzählen, die eine strenge Fastenzeit in ihr Kalenderjahr einsetzt, um in Versenkung und Leiden alle Vernichtung der Kreatur durch Menschen — sei es Mücke oder Grashalm — wissend anzuerkennen. Als das Kind außerdem zu der Überlegung geführt wurde, warum schon ABC-Schützen — es selbst gehörte damals der Mittelstufe an — in ihrer Freizeit Schule spielen und sich dabei auffallend gute oder ungerecht schlechte Zensuren geben, da begriff es, daß man nicht wie ein Knecht, der geknechtet wurde, wieder knechten muß, wenn der Augenblick es erlaubt, sondern daß lebendig empfundenes Leiden eines Tages den Knecht zum Herrn machen kann: verantwortlich und gut. Nachdem das Kind die Notwendigkeiten des Lebens so tief begriffen hatte, sah es auch ein, wie man zu Haustieren, die zum Schlachten bestimmt sind, noch ehrlich gut sein, ja sie mitunter wahrhaft lieb haben kann. So ging ihm wie eine angezündete Kerze eine Ahnung auf vom Unterschied zwischen Willkür und Notwendigkeit, von Licht und Schatten; und wie der herangewachsene junge Mensch später schrieb, hat er von dieser Zeit an nicht mehr Lebewesen quälen müssen, wenn ihm selbst Unrecht geschah. In solchem Sinne also ist Erziehung nicht nur Liebe und Beispiel, sondern der Glaube an die einmalige Aufgabe jedes Individuums und die Beugung unter den Satz, daß wenn es Gott gefiel, ein Wesen so und nicht anders zu schaffen, es dem einzelnen Menschen in seinem besserwissenden Dünkel keineswegs zukommt zu meinen, er wäre geschickt oder gar beauftragt, nach eigenem Bilde ein Lebendiges umzuformen. Mit beispielhafter Geduld also und durch die Kraft der Liebe jenes ein- 162

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