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Der Morgen · 1938-07-01 · Heft 4 (Juli 1938) · p. 161

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 4 (Juli 1938)
Article
Umgang mit Kindern
Date
1938-07-01
Page
161 (sequence 4)
Language
German
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Umgang mit Kindern bereich entfällt, aus dem Machtbereich also, dem Bereich des Besitzes, und es allein zurückläßt wie ein Wesen, das von seiner Mutter alleingelassen wird. Diese ganz frühen Unterscheidungen zwischen Ich und Umwelt erfordern innere Kräfte, deren Ausmaß der Erwachsene sich nur selten richtig vorstellt. Noch in den ersten Schuljahren besteht die Aufgabe des Lehrers darin, diese Trennung liebevoll und vorsichtig vollziehen zu helfen. Wenn man in der vierten Grundschulklasse, oft sogar bis in die Sexta hinein, die kleine Schar fragt, worin wohl die Bedeutung, die Aufgabe der Haustiere zu sehen sei, so antworten sie: ,Die Kuh gibt uns Milch, das Pferd hilft uns ziehen, der Hund bellt, wenn ein Fremder kommt'; und gar die Pflanzen sind nur dazu da, um roh oder gekocht von uns Menschen verspeist zu werden. Im täglichen Umgang mit Kindern hat sich mir ein wunderbar einfacher Weg immer wieder als gangbar gezeigt: aus der Freiheit, die tatsächliche Sachkenntnis allein geben kann, darf man ein Kind wie an der Hand nehmen und es zu jedem Gegenstand des Unterrichts werden lassen. Ein Kind muß sich sowohl als eine stachlige Distel fühlen können, die lange auf einen so ausgepichten Feinschmecker wie einen Esel wartet, um zu erfahren, daß selbst sie zu etwas nütze ist, wie als Finanzminister eines großen Reiches, der aus den Notwendigkeiten des Tages die Methode erfinden muß, seinem Herrn und König durch die Anfertigung von Papiergeld oder durch eine neue Münzlegierung einen Ausweg aus verzweiflungsvoller Geldnot zu weisen; es muß auch entdecken lernen, was es mit einem Plus- und einem Minuszeichen auf sich hat. Fühlt euch nur einmal als Pluszeichen! Ein Balken waagerecht, ein Balken senkrecht — eine gute Sache! Dreht man sich ein bißchen im Kreise, so ist man gar ein Malzeichen, das die Dinge vervielfacht. Nun aber geschieht das Schreckliche: der senkrechte Balken geht verloren, jener also, der nach oben und unten zeigt — möchtet ihr gerne als ein Minuszeichen durch die Welt gehen? Diese Freiheit, andre Wesen und den Inbegriff aller Erscheinungen wahrnehmen, auflieben zu lernen, erhält ein Kind nur, wenn es sich zugleich gehalten fühlt und durch Zutrauen befähigt, durch Erfahrung ermutigt, auf eigene Weise die Welt zu entdecken. Die quälende Frage, daß es selbst ein Kind und der andre fast unbegreiflich fremd, nämlich ein Erwachsener ist, wird dadurch gänzlich hinfällig, weil es begriffen hat, daß aller Unterschied in der Welt dazu da ist, um ein anderes außer ihm zu erkennen und liebend zu erfühlen. Wenn man so in der freundlichen Betrachtung der Umwelt geübt ist, offenbart sich ihr Sinn, lösen sich dräuende Gespenster zu wohltätigen Schatten in der heißen Mittagsglut einer unfaßbar fernen Sonne auf, die da scheint über Gute und Böse. Und wie 161

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