Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Umgang mit Kindern
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 163 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch: Die Kehrseite der Konjunktur geborene Bild, jene vorgeprägte Form zu entwickeln, das ist die Aufgabe des Erziehers. Wenn nun die Anerkennung jeder einzelnen Individualität eine Forderung für jeglichen Umgang nicht nur mit Kindern, sondern mit Menschen überhaupt ist, so bleibt die tatsächliche Sicht und Annahme der jeweiligen Umweltrealität eine Voraussetzung für den fruchtbaren Einsatz jeder Kraft. Wie ein Tischler nur in seinem handwerklichen Bereich bei günstigen Umständen ein Bestes an Hausgerät verfertigen und ein Goldschmied nur in dem von ihm geliebten und ausgeübten Handwerk ein Meisterstück anfertigen kann, dann aber an jeglichem Ort und an jeder Stelle, die ihm Material und Arbeitsgerät gibt, so kann ein Kind erst dann geschickt sein zu seiner Aufgabe und zu seinem Tun, wenn es bis zu einem Wissen von sich selbst und den eigensten Kräften gelangt ist. Dann aber gilt es, die aufgezogenen und prachtvoll gespannten Kräfte an einem wirklichen Ort dieser Welt in dem lebendigen Augenblick einzusetzen. Nicht also in dem unwirklichen Frieden eines schützenden Elternhauses, in der geistigen Klarheit jener fast unwirklichen Welt der Schule, in der man wie unmittelbar die Weisheit der Alten im stündlichen Umgang einsaugt, sondern im Wissen und Umgang auch mit den Nöten und Plagen des täglichen Lebens, damit ihm dann nämlich an dem Tage seiner Selbstfindung die Umwelt nicht zum zweiten Mal zum fernen Du wird, dem er fassungslos gegenübersteht wie das Kleinkind jedem Gegenstand der Außenwelt, sondern damit er nunmehr gestärkt und gestählt den Kampf, den das Leben immer mitbedeutet, mit dem Mut freier Kraft willig und bereit aufnimmt. Wir wollen also unsere Kinder zu ihrem Selbst erziehen: nicht nach Richtbildern von außen, nicht mit Hilfe dogmatischer Absperrungen noch aus unserer Ungewißheit, sondern zu ihrem Dasein, in ihrer Gegenwart, für die ganze Spanne ihres Lebens. Leo Hirsch: Die Kehrseife der Konjunktur Man muß bekanntlich als Schlemihl geboren sein, um Schriftsteller zu werden, aber als jüdischer Schriftsteller hat man doch zu lachen. Man braucht, sagt Scholem Alejchem, nur nebenbei Schadehen, Krämer, Makler oder sonst so ein Mystiker sein, der von Haus zu Haus marschiert, und schon ist von Nahrungssorgen keine Rede mehr. Aber auch von der reinen Poesie läßt sich's leben. Da haben wir hier zum Beispiel einen Poeten, nennen wir ihn Kaiser, der verdient mit Gedichten für Hochzeiten, Schei- 163