Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1938-07-01 · Heft 4 (Juli 1938) · p. 160

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 4 (Juli 1938)
Article
Umgang mit Kindern
Date
1938-07-01
Page
160 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895580-2895584-2908353--10734-2908405
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Suse Michael und sei es auch nur für die Dauer einer Ahnung, aufgehalten werden, wenn man nicht ganz vergißt, daß dieses Wort einen andern Menschen erreicht und treffen wird. Endgültig geprägte Weisheit ist uns in dem Satz übermittelt: „Nach dem Gesetz, wonach du angetreten, so mußt du sein." — ,Nach dem Gesetz, wonach du angetreten' bedeutet nicht nach dem Gesetz, nach dem i c h angetreten, nach meinem Gesetz also, nach dem Bilde meines Wesens, nach der Folgsamkeit für die Stimme in mir soll ich einen andern ziehen, sondern ich soll ihm durch meine Ruhe und forderungslose Gewißheit ein Leitender, ein Geleitender, ein lebendiges Wesen sein, das ihm, der aus dem Chaos der Ungewißheit kommt, wie ein Wegweiser ist oder eine in nächtlicher Ferne golden duftende Lampe zu der Gänzlichkeit seines Gezogenseins. Vielleicht erlaubt der eingewöhnte Rhythmus unseres abendländischen Lebens nicht immer, nur durch bloßes Stillesitzen und Dabeisein in dem zu Leitenden, zu Führenden, zu Erziehenden je nach seiner Art und Anlage die rechten Kräfte zum Gebrauch zu fügen und die widerstreitenden sinnvoll als Schatten für das Licht, das er in sich trägt, ihn auffassen zu lehren. Vielleicht ist es darum nötig, ein Kind auch wirklich an die Hand zu nehmen, nicht nur weil es aus dem Vertrauen seines Herzens und der Unerfahrenheit seiner Schritte notwendig und gern einen Weg sich weisen läßt, sondern weil aus der Begrenztheit und dem Anspruch unserer Erdentage eine gewisse Beschleunigung des Wachstumsvorgangs nötig sein mag und in diesem 'Sinne dann auch zugestanden werden muß. Kein ,Kümmerhochwuchs' soll gezüchtet werden, wie etwa eine junge Kiefer im ungesunden Kampf um den besten Platz unter ihresgleichen zu schnell hochschießt, um die frühesten Strahlen der Sonne aufzufangen, und dafür dem Druck jedes ersten Frühlingssturmes niederstürzend erliegen muß; sondern wie man aufbrechenden Keimlingen mitunter die Schutzblätter abnehmen darf oder einem kreißenden Tier die Nabelschnur von dem Neugebornen abtrennen hilft, so darf man Kindern aus vielleicht besserem, aber notwendig ichfreiem Wissen den eignen Weg ebnen, ja anbahnen helfen. Wie soll das geschehen? Jeder Mensch weiß wohl aus sich selbst, wie Vertrauen das natürliche Sein fördert, wenn nicht erst möglich macht. Wenn ein Kind sich gewiß weiß in der gleichmäßigen und echten Freundlichkeit, in dem Freundsein des Erwachsenen, so ist es leicht, es einzuführen in die Kenntnis der Dinge, die um es sind. Wir müssen uns erinnern, daß für das heranwachsende Geschöpf jeder Gegenstand der Umwelt ein Unbegreifliches wird in dem Augenblick, in dem es erkennt, daß er nicht sein Eigentum ist, unveränderlich, sondern oft, aus unfaßbarem Grunde, sich entfernt, verschwindet, aus dem Griff- 160

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.