Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Umgang mit Kindern
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 159 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umgang mit Kindern Stimme, die dich ruft. Und als zweiter: Wenn du still genug geworden bist, um die Stimme eines selbstgemachten Hausgötzen zu unterscheiden von dem unverkennbaren Ton der wirklichen Mahnung und Forderung, und wenn du den Mut gefunden hast, ihr einmal, aber gänzlich zu folgen, so darfst du getrost und im Wissen um die Fehlbarkeit menschlicher Bemühungen es unternehmen, andere Menschen leiten oder geleiten zu wollen. Der Erziehende also muß einer sein, der weiß, was es mit dem Ziehen auf sich hat, sowohl im Gezogenwerden wie im Sich-Ziehen-Lassen, im Folgsamsein wie in der Bereitschaft des Aufsichnehmens. Der Erziehende muß ein Mensch sein, der sich bewußt ist, ein anderes, ihm anvertrautes Wesen zu etwas hinzuführen, auf jene unmerkliche Art und Weise zu ziehen, worin Eigenbewegung und Aufforderung eins werden. Wenn man solchermaßen Pestalozzis Satz „Erziehung ist Liebe und Beispiel, sonst nichts" dahin versteht, daß man ein Liebender sein muß und zugleich ein durch seine innere Folgsamkeit Beispielhafter, Ermutigender, so ist nur noch hinzuzufügen, daß man das Kind zu dessen eignem Wesen nach dem in ihm angelegten Keime ziehen helfen soll. Wie es vielerlei Pflanzen gibt und mancherlei Tiere, jedes an seiner Stelle, zu seinem Dasein und zu seinem Wohle, so gibt es unter den zahllos scheinenden Menschen nicht zweimal den gleichen, weder an Farbe des Haares noch am Abdruck seiner Hände, weder im Vermögen seines Herzens noch in der Aufgabe seines Lebens. Es ist der Beruf des Pädagogen, diese Vielgestaltigkeit der Anlagen zu achten und das Einzelwesen zum Individuum zu bilden, damit aus der Mannigfaltigkeit der menschlichen Vielzahl immer mehr Stimmen sich erheben, die von Gottes Schöpfung, wie sie in ihnen selbst vorgebildet ist, Kunde geben, damit von dem göttlichen Hauch jede einzelne Seele auf ihre Weise klinge. Wozu nun sollen wir erziehen, woraufhin sollen wir erziehen, wofür sollen wir erziehen? Nicht nach einem endgültig begrenzten Bilde, nach einem menschlich aufgestellten Ziele kann oder darf der Erzieher andere Menschen, ihm anvertraute, ziehen, sondern nach dem, was nur aus der Liebe des Herzens und aus der Geduld eines Knienden von einem andern Wesen zu erfahren ist. Aus welcher Verwirrung auch immer die Menschen dazu gekommen sein mögen, sich selbst als ihr Eigentum zu betrachten, mit dem sie willkürlich, eigenmächtig, unliebend gar bis ins letzte verfahren dürfen, — ein Wesen außer uns gebietet uns vielleicht schon durch das bloße Gegenüber im Räume ein Halt, zwingt zu irgendeiner, wenn auch noch so schwachen Unterscheidung vom Ich. Die Leichtfertigkeit oder Unachtsamkeit, mit der man Worte ausspricht oder niederschreibt, kann, 159