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Der Morgen · 1938-07-01 · Heft 4 (Juli 1938) · p. 158

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 4 (Juli 1938)
Article
Umgang mit Kindern
Date
1938-07-01
Page
158 (sequence 1)
Language
German
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Suse Michael: Umgang mit Kindern Ein Beitrag zum Erziehungsproblem Wie nichts in der Welt zutiefst erkennbar wird, außer wenn wir es auch liebend betrachten, so ist ein Kind weder im Hause noch in der Schule zu „erfassen", außer wenn wir es, wie alle andere Kreatur, auch liebend ansehen. Diese Art der Haltung setzt mancherlei voraus: zuerst, daß die jedem Menschen innewohnende Kraft zu lieben in dem Erziehenden frei ist, verfügbar, nicht gebunden an die Erfüllung eigenster, oft völlig geheimer und ungewußter Wünsche; zum andern, daß jenes „Objekt" unserer Erziehung, das Kind, diese Liebe verspürt und, von ihr ermutigt, Kraft erhält zu eigenstem Werden und Wachsen. Wonach sollen wir erziehen? Wofür sollen wir erziehen? Für ein bestimmtes Land? Für einen bestimmten Aufgabenkreis? Massenerziehung? Individuelle Betreuung? Einordnung? „Freiheit der Persönlichkeit"? Dem Fragenden droht geradezu ein Ungeheures an scheinbar unerfüllbaren Verpflichtungen und unlösbaren Problemen. Es scheint, daß die wortwörtliche Betrachtung des Begriffs Erziehung einen Hinweis für die richtige Fragestellung geben kann. Wie erfüllen den Inbegriff des Füllens ausdrückt, erkennen den Inbegriff des Kennens, des tiefsten Wissens von etwas umfaßt, so bedeutet erziehen wohl das Gänzliche des Ziehens wie auch des Gezogenseins. Wohin nun zieht es den Menschen zum Unterschied von allen andern Kreaturen? Nicht in seinem vegetativen Bedürfnis, nicht in seiner animalischen Triebhaftigkeit, nicht also in dem heilsamen Zwang seines biologischen Müssens oder Seins, sondern ihn eigentlich, ihn im besondern, den Menschen als den zum Ebenbilde Gottes Geschaffenen? Wenn wir aus Einsamkeit oder Liebe, aus Geduld oder Mutlosigkeit, aus eigenem Vermögen oder geleitet mit jenem "Wort des Vergil bei Dante „Er legt um meine seine Hand als Schlinge, worob mir Trost geschah, und ließ mich ein in die geheimen Dinge" die Kräfte der Sammlung kennengelernt haben, die aus Stillewerden und Gewißheit aufsteigen, so werden wir erfahren, daß die Stimme der Sehnsucht oder Betrübnis, des Dranges oder des Übermaßes uns letzten Endes zu etwas hinzieht, hinruft, was außer uns, über uns ist. Vielleicht sollte in einer Fibel für Lehrende als erste Anweisung der Satz stehen: Setze dich still hin und höre auf die 158

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