Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Moritz Heimanns Leben und Werk
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 156 (sequence 5)
- Language
- German
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Hans Bach Macht beseelten Geistes mit der Urwüchsigkeit seiner Anfänge vereint. Am Schlüsse eines Gedichts von dem Räuber Simon ben Lakisch, der zum Rabbi wird, klingt dieses Motiv deutlich an: „Ich war der Meister in den Wäldern — hier wie dorten werde ich der Meister sein." Doch der Städter Moritz Heimann wagt nicht mehr, seinen eigentlichen Helden in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen, ja kaum, sich zu ihm zu bekennen: „Der Heilige schien mir des Wortes Sklave, und seine Weisheit wurzeldürr und mager", und doch wünscht er sich — nur einige Zeilen weiter in dem gleichen Widmungsgedicht — :„. .denn Sünder ihn* den Weisen und den Gatten, ich wollt ihn ruhen sehn im Liebesarme". Nicht mehr der Held, — der Helfer des Helden zu sich selbst, das Weib des Akiba wird nun die Titelfigur. „Das Wesen des Weibes ist Geduld, das des Mannes Ungeduld", heißt es in den Aphorismen, und an andrer Stelle: „Die Geschichte jedes Mannes ist die der Wandlung zur Geduld." Nicht mehr der Meister der Wälder und der Städte, der Weise und der Gottesmann, sondern die weibliche Geduld wird angerufen, die ohne Zutun wachsen läßt, was da wachsen will, die Geduld, die nicht sich und dem andern dreinredet. Diese Geduld ist ihm eines der Lebenselemente, aber nicht das Eigne, sondern das Andre. Das Eigentliche bleibt im Hintergrund, im Untergrund, wagt sich nicht frei hervor, wird über-deckt, über-redet, über-dacht. Das Andre statt des Eignen zu leben, ist Moritz Heimanns Verhängnis. „Der Natur darf man nicht gehorchen, sondern muß als Feind gegen sie kämpfen, ritterlich. Und das ist der Grund der Tragik, auf welchem alles geistige, menschliche Leben ruht." Wohl muß das Leben einem Menschen tragisch vorkommen, der in den Kräften der eignen Natur den Widersacher sieht, der aus seinem Gegensatze lebt statt aus seinem ganzen Selbst. Ach, alles was er als unzerstörbar, als wirkend, als schützend in sich aufruft, die Einsamkeit, die Landschaft, die Freundschaft, den Stolz in seiner Brust, das alles schützt nicht ihn vor Schwermut, schützt nicht sein Werk vor Verwirrung. Moritz Heimann konnte ein selbstloser Helfer sein, eine Unruhe in der Uhr, das menschliche Herz im Rädergetriebe eines großen Verlags, das solchen Betrieb intakt, im Takt erhielt, doch im Bereich seines Werks nicht der Künstler, der aus den Tiefen schöpft. Ungeduldig, zu sich selbst zu kommen, die verlorene Einheit wiederzugewinnen, suchte er über das Wissen das Geheimnis zu erjagen, setzte er das Bild für die Sache, die Formulierung für die Wahrheit, das Bruchstück für das Ganze. Ich will an einem Beispiel zeigen, wohin das führt. Einer von Heimanns Aphorismen lautet: „Das Böse ist unerschöpflich, aber begrenzt (= Brunnentröge im Gebirge), das Gute aber ist unendlich. Deshalb erscheint es so unreal und vage, deshalb ist es 156