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Der Morgen · 1938-07-01 · Heft 4 (Juli 1938) · p. 157

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 4 (Juli 1938)
Article
Moritz Heimanns Leben und Werk
Date
1938-07-01
Page
157 (sequence 6)
Language
German
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Moritz Heimanns Leben und Werk so stark." Hier ist eine Erkenntnis und ein Bild, doch nicht in eine neue Einheit verschmolzen, sondern ineinandergeschoben, verfilzt, verwirrt. Hieße der Aphorismus: ,Brunnentröge im Gebirge, unerschöpflich aber begrenzt', — was für ein lebensvolles Bild wäre das, Keim zu einem Gedicht, lauterer Spiegel der Wahrheit! Ein Brunnentrog im Gebirge, begrenztes menschliches Gefäß, doch Träger unerschöpflich sich erneuenden Quells, Träger des Lebenswassers, "das frisch, kühl, klar, unvermischt von der Höhe kommt, aus jener Menschenferne des ewigen Schnees, die hoch in den Bergen und zunächst dem Himmel ist!- Und welcher Erkenntnis nun dient dieses ^Unerschöpfliche im Begrenzten* zum Gleichnis? Dem urewigen Sinn menschlich-göttlicher Natur? Nein: dem Bösen, dem traurig , Wißbaren'! Hieße es, das Gute sei unerschöpflich, die menschliche Natur begrenzt, in dieser ihrer Grenze, ihrer UnVollständigkeit, ihrer Ohnmacht aber und in der Auflehnung dagegen liege das Böse, dann wollte man statt des Bildes solche Erkenntnis noch immer gern empfangen. Doch das Böse unerschöpflich, wenn auch begrenzt, das Gute zwar stark, doch unreal, vage und unendlich?! — mit solcher Verwirrung rächt sich der Kampf gegen die eigne Natur. Man möchte trösten mit dem rechtwinkligen Wort: Sieh, das Gute liegt so nah... Der lebende Moritz Heimann war tiefer, weiser, lebendiger als der schreibende. Im täglichen Leben hat er zu der Ruhe, Gelassenheit und Heiterkeit des Gemüts durchgefunden, die ihm im Werk versagt blieb. Sprach man mit ihm, so konnte er ,unendlich liebenswürdig4 sein, mittönende Saite und lebendiges Ohr. Er brachte Güte und Stille, durchdringende Feinheit des Geistes und befreiendes Verstehen in ein Zimmer und an einen Tisch, einen Hauch heiterer Milde, daß unter den Teilnehmern des Gesprächs Augenblicke des Schweigens sich erfüllten mit jener gemeinsamen Schwingung, in die etwas vom Unendlichen eingeht. Doch wenigstens einmal, im ,Weib des Akiba', hat auch der Schreibende wirklich und tief ausgesprochen, was in ihm war, hat die Gestalt der Helferin unvergeßlich in die Welt gestellt und das Bild eines Helden jüdischer Geschichte mit seinem Blut und Leben erfüllt. Den Helfer und den Weisen in sich selbst zur Einheit zu bringen, war ihm nicht beschieden. Daraus wohl, aus diesem Widerspruch, aus dieser Spaltung der Kräfte erwächst der Eindruck, daß Moritz Heimann sein Leben nicht ausgelebt, nicht zur Einheit geführt, nicht vollendet habe. Der Leser muß seinen Schriften jenes hellhörig aufnehmende, auch dem Ungesagten mitschwingende Ohr leihen, das der Helfer nur für andre, nicht für sich selbst besaß, damit der Kreis ungeeinter Kräfte sich schließe und eine jede an ihrer Stelle sei. 157

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