Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Moritz Heimanns Leben und Werk
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 153 (sequence 2)
- Language
- German
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Moritz Heimanns Leben und Werk An seinem zehnten Geburtstag wurde zwischen ihm und der älteren Schwester 'ausgemacht', er solle ein Dichter werden. Aus dem kreatürlichen Eingebundensein der Kinderjajire kam er in die große Stadt, deren Rhythmus nicht der der Jahreszeiten und Gestirne ist, und fühlte sich hilflos darin, dem vielköpfigen Ungeheuer Großstadt ausgeliefert, unfähig solches Wesen zu bestehen. Der Verkehr, die Bewegung, die schnellfertige Gescheitheit der Menschen »imponierte« ihm, legte sich ihm drückend ums Herz, und — er wurde ebenso leichtbeweglich, ebenso verkehrt, so hoffnungslos gescheit wie sie, nannte „das selige Nichts und Alles" der Knabenjahre eine „romantische Erregung", versuchte sich sein tiefstes Erlebnis, jenen Blitz der Trunkenheit, „so rationell wie möglich" zu erklären. Es gelang ihm nur allzu gut, und doch nicht ganz. Nach mehreren Seiten nicht: sein heller Verstand, schneidend scharf und fein, ließ ihn an keinem Bild, an keinem Dogma, an keiner Verabsolutierung Genüge finden, das Herz sich den erlebten Gott der Kinderjahre nicht wegdisputieren, und die „Bildnerwollust" durchbrach immer wieder das Gespinst aus Dialektik und Scheu. Es wurde ein gehemmter Mensch daraus, in welchem „der Künstler und der arbeitende Helfer einander ständig aufmunterten und ständig hinderten", der Lektor und das geistige Gewissen des Verlages S. Fischer. Wenn es sich um die Werke anderer handelte, konnte er ein Zuhörer sein, der „mit der Seele der Sinne alles vernahm, was schwieg, und alles was tönte", ein Gärtner, der im Keim die werdende Blume spürte, ein Kritiker, der die Kraft und Zartheit des Helfens besaß — nur immer mit dem Bewußtsein, daß über dem Helfen die eignen Werke liegen blieben, ungeformt, unerlöst, geopfert an die „Verstrickung der Notwendigkeit", an den falschen Glauben, man könne helfen, indem man sich des eignen Selbst begebe und gut nur zu den andern, ungut gegen sich selber sei. Für diese Meinung, eine Scheinentsagung und nicht wirkliche Demut — denn die unterdrückte Kraft verschwindet nicht aus der Welt, sondern tritt, bei ihm nur entstellt und mit negativem Vorzeichen, unversehens doch immer wieder hervor — hat Heimann einmal das Gleichnis der Spindel oder Schraube erfunden, die zweimal gedreht, doppelt geschraubt erst festsitzt. Der feinfühlige ungenannte Herausgeber eines im Verlag Bermann-Fischer erschienenen Auswahlbandes aus Heimanns Werken wählte danach mit gutem Grund ,Die Spindel' als Titel. Fünf Dramen, elf Novellen, ein paar hundert Aufsätze, eine Handvoll Aphorismen und Gedichte stellen den gedruckten Ertrag dieses Lebenswerkes dar, dessen tiefste Kraft in die Hilfe an andre floß. Moritz Heimann fand nie wieder richtig zu sich selbst, in die unbefangene Hingabe seiner Jugendjahre an Gott 153