Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Moritz Heimanns Leben und Werk
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 152 (sequence 1)
- Language
- German
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Hans Bach: Moritz Heimanns Leben und Werk Am 19. Juli wird sich zum siebzigsten Male Moritz Heimanns Geburtstag jähren. Es gibt Menschen, die auch nachdem sie abgeschieden sind, mit den Lebenden noch weiterzuwachsen, älter zu werden scheinen, wie wir uns einen Menschen reifend denken, der in weite Ferne gereist und doch noch erreichbar ist. Moritz Heimarui wäre ein leiser Mann von siebzig Jahren, wohl immer noch leidend, doch abgeklärt, mit dem feinen Netzwerk von Fältchen um die graublauen Augen unter buschigen Brauen, mit der scharfwinkligen Nase, dem sensiblen, gütigen, spöttischen Mund und der etwas heiseren, freundlich guten Stimme. Moritz Heimann hat seine Jugend in Kagel in der Mark Brandenburg verlebt. Er ist wohl das einzige Beispiel eines Juden aus norddeutschem dörflichen Kreis, dessen Name eigenen Klang gewann. Er mag ein Nachkomme jener alten Dorfgeher gewesen sein, die den Bauern nicht nur verkauften und abkauften, was diese bedurften, sondern für jene einsamen Gehöfte die Verbindung zur Welt waren, Übermittler von Nachrichten, lebende Zeitung, Märchenerzähler der Wirklichkeit. Der sechsjährige Moritz Heimann erfuhr beim Versteckspielen hinter der Kellertür den trunkenen Blitz eines Gefühls, dessengleichen manche sich aus eigenem Erleben erinnern werden: daß alles schon einmal so gewesen, schon einmal genau so erlebt sei, eine Urerinnerung hinter das gegenwärtige Leben zurück — plötzlich zerriß ihm die Zeit vor der Ewigkeit. Doch im Ablauf des Jahres verknüpften sie sich ihm wieder. Mit den Festen des jüdischen Kalenders war er eingebunden in die Zeit, und diese Feste selbst verbanden sich ihm mit der Bewegung der Gestirne: man zündete am Sabbat die Lichter erst an, wenn die ersten Sterne am Himmel sichtbar wurden, man feierte den Neumond mit Gebeten, und immer stand über dem Peßach-Abend die Scheibe des vollen Monds, über dem des Versöhnungstages die schwellende Sichel. Er erlebte Winter für Winter Zustände der Angst, weil die Tage kürzer wurden, die Welt dunkler. Und wie am Himmel ein Über- Weltliches, so konnte der Knabe in den gedruckten Zeilen der Bücher Gottes Atem spüren. Las er in seinem Geschichtsbuch über Napoleon auf dem Feldzug nach Rußland den Satz: „Da sprach Gott zu ihm in seinem Zorn: Bis hierher und nicht weiter, hier sollen sich legen deine stolzen Wellen", so sah er diese Wellen sich legen, in einem leibhaftig vorgestellten Bild. Solche Kraft, die Bewegung "der Sphären zu fühlen, solche Macht des Erinnerns und bildhafter Vorstellung war dem Knaben geschenkt. 152