Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 148 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Herbert Friedenthal manchmal ein gütiger Mensch stand und manchmal einer, dereinen weiterjagte, und er schrie auf, fassungslos: „Ich bin es, Salomon Maimon!" „Sie ziehen an der unrechten Glocke", kam ruhig die Antwort. Maimon schüttelte den Kopf. Er wußte, bald meldeten die Soldaten, die am Rosenthaler Tor Wache hielten, dem Aufseher des Armenhauses, daß ein Bettler in hitziges Fieber gefallen wäre, so würde er also bald eingelassen werden — wenn auch nur auf ein paar Tage Rast. „Unrechte Glocke?", rief er kopfschüttelnd, „unrechte Glocke?" Da öffnete sich die Tür. Kaum daß er sah, wer sie aufgeschlossen, torkelte er hinein. Der Legationsrat, in einem flauschigen Morgenrock, trat einen Schritt zurück. Der Philosoph roch wieder einmal nach Branntwein. Doch wenn man überhaupt noch an Schlaf denken wollte, so mußte man dem polternden Nachtgeist zur Ruhe helfen. Am nächsten Morgen klopfte der Diener an Maimons Zimmer. Die Antwort drinnen sagte ihm schon, daß dieser landfremde Jude, den sein Herr, Graf Kalchreuth, nun schon das sechste Jahr beherbergte, daß dieser landfremde Vogel wieder «inmal mit Stühlen nach ihm zielen werde, falls er sich anschicke, das Zimmer aufzuräumen. Maimon lag hinter einer Gardine im Bett und warf dem Diener ein Kissen entgegen, als dieser trotzdem eintrat. Der Herr Graf ließen ihm dieses Couvert überreichen. Maimon nahm eine Vase, den Eindringling zum Schweigen zu bringen. Aber der war schon aus dem Zimmer geflüchtet. Das Couvert enthielt ein Billet des Legationsrats an den Grafen: „Ihr Hausphilosoph kam gestern abend etwas spät nach Hause und schien finsterer und stürmischer noch zu sein als das Wetter selbst, und als er die Tür verschlossen fand, so schellte er an meiner Glocke und pochte ebenso heftig, wie es die Herren mit ihrem kategorischen Imperativ gewohnt sind. Es war aber nicht alles, was er sagte und bewies, transzendental. Ich vernahm viel Sinnliches, mitunter begleitet von einer guten Portion Schwerenoten, ich weiß nicht, ob a priori oder a posteriori..." Maimon brach in Gelächter aus, das bald in Husten erstickte. Er kroch aus dem Bett, um dem Schütteln des Hustens zu entgehen, schwankte durch das Zimmer, fühlte seinen Puls. Nach dessen Gang, seinem ,Uhrwerk4, bestimmte er die Sorte des Bieres, die den Tag eröffnen sollte, Kottbusser, Englisches oder Mannheimer. Aber der Puls war heute nicht auf Bier gestimmt, nicht einmal auf Branntwein. Das Uhrwerk war gestört. Maimon wischte über die feuchte Stirn und fiel in einen Sessel. Sicher 148