Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 149 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Salomon Maimon war er krank. Aber die Ärzte wußten nichts anderes, als ihn von seiner Lebensart abzubringen. Er war überzeugt, er sei verloren, wenn er diese Lebensweise ändere. Neulich verschrieb ihm ein Arzt Tropfen gegen "den Brustschmerz. Er trank die ganze Flasche auf einmal, und es ward ihm erst recht unpäßlich davon. Hatte er nicht als Dreizehnjähriger in seinem polnischen Heimatdorf selbst die Stelle des Arztes vertreten? Fast jede Nacht träumte er von jener Zeit: einer Baracke, schwarz von innen und außen, ohne Kamin, nur im Dach eine kleine Öffnung für den Rauch, den der Wind immer wieder in die Stube zurücktrieb. Wäschestücke hingen darin, Kleider, Würste zum Trocknen; hier standen Zuber mit saurem Kohl, hier wohnte und schlief die ganze Familie, wurde Brot gebacken und die Kuh gemolken, gelärmt und Branntwein gesoffen: hinter dem Ofen durfte Salomon mit schmutzigen, halbnackten Kindern aus einem zerrissenen Talmud lernen. Manchmal fiel der Unterricht aus, wenn die russischen Soldaten kamen und damit Einquartierung. Da half nur Branntwein____ Das einzige Mal, daß der Branntwein half. Später hatte er Berlin verlassen müss'en, weil man ihm den Trunk nicht verzieh. Mit Empfehlungen wurde er nach Hamburg geschickt; von Hamburg komplimentierte man ihn weiter nach Holland. In einem Haus dort fand er gastliche Aufnahme. Nach der Mahlzeit bot man ihm den Weinbecher, um den Segen zu sprechen. Er lehnte ab, — er könne das Gebet, weil es aus einem anthropomorphen System der Theologie entspringe, nicht ohne Widerwillen verrichten. Er mußte das Haus verlassen. Entgegen dem Ritual bartlos ging er durch die Straßen, und das Gerücht vom Ketzer ging mit ihm. Wenn er durchs Getto schritt, liefen die Gassenjungen hinter ihm her. So kam er auf eine Brücke. Unter ihm spiegelte der Mond sich auf dem Kanal. In den Häusern der Reichen litt man ihn nicht, in den Gassen der Armen bewarf man ihn mit Steinen. Er schloß die Augen und beugte sich über das Geländer. Drunten lag still und breit das Wasser, er konnte das Mondlicht darauf nicht mehr sehen; er beugte sich weit hinüber — noch ein wenig weiter, und er läge still unter dem Mondlicht wie dieses Wasser____Silbernes Wasser, silberne Brücke — kam wieder ein großer Herr und fiel von der Brücke wie damals von der des Dorfes, das sein Großvater in Pacht hatte? Die gräfliche Verwaltung gab kein Geld und ließ die Brücke schadhaft — eine Menschenfalle. So oft ein polnischer Gutsherr darüber ritt und zu Fall kam, lief er mit seinen Knechten zum Pächter und prügelte erbarmungslos, wer ihm in den Weg lief. Einmal flüchtete auch die Hausmagd, den kleinen Salomon auf dem Arm. Da aber die Knechte sie verfolgten, ließ sie in ihrer Bestürzung das Kind fallen. Wimmernd blieb es am Boden liegen, 149