Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 147 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Herbert Friedenthal: Salomon Maimon. Novelle Der Wind schlug den Regen prasselnd gegen das Tor, vor dem ein Mann in einem flatternden altertümlichen Überrock stand, einen groben Stock in der Hand. Es war in einer Novembernacht des Jahres Achtzehnhundert. Der Mann zog heftig an der Hausglocke, doch wie ein hungriges Tier verschlang der Sturm das Läuten. In den Stallungen des Gutes Groß-Siegersdorf schlug ein Hund an. Der Mann trommelte mit Fäusten und Stock auf das Tor. „Wollt ihr mich wieder nicht hereinlassen?", schrie er, „habt ihr wieder ein ketzerisches Buch bei mir entdeckt, damit ihr mich davonjagen könnt wie einen Bettler?" Auf einmal standen rings um ihn die struppigen, verzweifelten Gesichter aus dem Armenhaus am Rosenthaler Tor, auf einmal waren die Gesichter von damals wieder um ihn, in einer langen 'Reihe traten sie an; und die Ältesten der Gemeinde kamen, um jeden zu fragen, ob er in Berlin einen Dienst suchte oder was sonst er triebe. „Aufmachen!!", knurrte der Mann. Jetzt schien es ihm, als wendeten die Ältesten sich an ihn. Er komme, um in Berlin Medizin zu studieren, gab er ihnen zur Antwort. Sie sahen sich an; einer unter ihnen, den er schon kannte, schüttelte den Kopf. Da holten sie einen Zehrpfennig aus der Tasche und gingen weiter. Das Gesuch war abgeschlagen. Das Rosenthaler Tor schloß sich wieder. Der Herr Legationsrat, der im unteren Stockwerk des Gutshauses von Groß-Siegersdorf wohnte, wurde von dem Pochen und Fluchen wach, öffnete ein Fenster und rief herunter: „Wer ist denn da?" Sieh an, so höhnten sie ihn noch, wähnte der dort unten, — jener Rabbiner, der ihn der Ketzerei beschuldigte und aus Berlin davonjagen ließ, höhnte ihn noch? Er warf sich in die Brust, reckte den Kopf und rief hochmütig: „Ich bin es!" Aber die Stimme ließ nicht von ihm. „Wer ist denn der Ich?" Die Stimme kam von weit her auf ihn zu. Lag er nicht vor dem Rosenthaler Tor, war es nicht ein Sonntag? Viele Menschen gingen spazieren, geputzte Mädchen, lärmende Burschen; Bürger fuhren in ihren Karossen vorüber. Niemand achtete seiner. Oft lagen verkommene Gestalten vor diesem Tor, Bettler und Vagabunden, beteten und jammerten und zeterten — wer ließ sich darum den Sonntag stören? Vor seinem Blick aber taten die Landstraßen sich auf zwischen Litauen und Königsberg, zwischen Stettin und Berlin, Landstraßen voller Hunger und Demütigungen und wunder Füße und harter Lager, Landstraßen, an deren Ende 147