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Der Morgen · 1938-07-01 · Heft 4 (Juli 1938) · p. 143

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 4 (Juli 1938)
Article
Die Forderung des Geistes und die geschichtliche Wirklichkeit
Date
1938-07-01
Page
143 (sequence 8)
Language
German
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Die Forderung des Geistes und die geschichtliche Wirklichkeit einem wahren Volk, das seinem göttlichen König treu ist, und dann braucht ihr euch nicht zu fürchten. Das Haupt von Damaskus, sagt Jesaja zu Achas an der Straße zum Wascherfeld, ist der Mann Rezin, und das Haupt von Samaria ist der Mann Pekach, aber wer das Haupt Jerusalems ist, weißt du, wenn du es wissen willst. Jedoch: vertraut ihr nicht, bleibt ihr nicht betreut. Man spricht hierzu gern von einer „utopischen" Politik und rückt damit Jesajas Scheitern in die Nähe des Scheiterns Piatons, der die Utopie der Politeia geschrieben hat. Man sieht in dem Spruch Jesajas an Achas eine zwar „religiös" sublime, aber politisch wertlose Äußerung, eine von denen also, die sich nur zu feierlichem Zitieren, nicht zur Anwendung in der Wirklichkeit eignen. Aber die einzige politische Chance für ein zwischen die Weltreiche geklemmtes Völkchen ist die metapolitische, auf die Jesaja hinweist. Er verkündigt eine Wahrheit, die freilich in der bisherigen Geschichte, noch nicht erprobt werden konnte, aber nur weil man sie nie zu erproben gesonnen war: einzig ein Volk, das in sich selbst, in seinem eignen Leben den Frieden verwirklicht, wird die Völker zum Völkerfrieden führen. Realisierung des Geistes wirkt magnetisch auf eine Menschheit, die am Geist verzweifelt; das bedeutet uns Jesajas Lehre. Wenn der Berg des Hauses Gottes auf der Wirklichkeit eines echten Gemeinschaftslebens „festgegründet" sein wird, erst dann, dann aber tatsächlich werden die Weltstämme zu ihm „strömen", um hier Frieden statt Krieg zu lernen. Auch Jesaja scheitert, wie es ihm in der Berufung angesagt worden war. Aber dieses Scheitern ist ein anderes als das Piatons. Für dieses Anderssein legt unsere Existenz Zeugnis ab. Wir leben von dieser Begegnung an der Straße zum Wäscherfeld, leben davon, daß es Menschen gegeben hat, die mit diesem „hammelech" für die ganze soziale und politische Wirklichkeit Ernst machten. Der Prophet scheiterte für die geschichtliche Stunde, aber nicht für die Zukunft seines Volkes. Es bewahrt seine Botschaft als etwas, das in einer andern Stunde, unter anderen Bedingungen und in andern Formen verwirklicht werden soll. Auch der prophetische Geist gelangt nicht dazu, der Wirklichkeit seiner Stunde das zu geben, was er ihr geben wilL Aber er senkt es in das Volk ein für alle kommenden Zeiten; da lebt es seither als das Verlangen, die Wahrheit zu verwirklichen. Der prophetische Geist meint nicht, wie der platonische, eine allgemeine und zeitlose begriffliche Wahrheit zu besitzen, er empfängt immer nur eine Botschaft für eine Situation; aber gerade deshalb redet sein Wort noch nach Jahrtausenden zu den wechselnden Situationen der Volksgeschichte. Er stellt kein allgemeingültiges Bild der Vollkommenheit, keine Pantopie und Utopie vor die Menschen hin; er hat daher auch nicht die Wahl 143

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