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Der Morgen · 1938-07-01 · Heft 4 (Juli 1938) · p. 142

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 4 (Juli 1938)
Article
Die Forderung des Geistes und die geschichtliche Wirklichkeit
Date
1938-07-01
Page
142 (sequence 7)
Language
German
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Martin Buber eigen. Er fühlt und bekennt sich als unrein. Er spürt, wie ihm die Unreinheit, die seinen Atem und sein Wort durchsetzte, an den Lippen ausgebrannt wird, damit seine Lippen die Botschaft sprechen dürfen. Jesaja schaut Thron und Majestät dessen, der ihm die Botschaft gibt. Die Gestalt des gerechten Staates, die Piaton schaut, kennt er nicht. Er weiß und sagt: es ist den Menschen geboten, gegeneinander gerecht zu sein. Er weiß und sagt: die Ungerechten gehen an ihrer Ungerechtigkeit zugrunde. Und er weiß und sagt: ein Reich der Gerechtigkeit wird kommen, ein Gerechter wird als der 'treue Statthalter des Königs regieren. Aber von der Struktur des Reiches weiß er nichts und sagt er nichts. Er hat keine Idee, er hat nur eine Botschaft. Er hat nichts zu gründen, er hat nur etwas auszurufen. Was er auszurufen hat, ist Kritik und Forderung. Seine Kritik und Forderung geht darauf, daß Volk und Fürst die unsichtbare Herrschaft real anerkennen. Es ist keine theologische Metapher, wenn Jesaja „hammelech" sagt, es ist ein politischer Verfassungsbegriff. Aber diese Gottesherrschaft ist auch das Gegenteil jener Priesterherrschaft, die man gewöhnlich Theokratie nennt und von der man mit Recht gesagt hat, sie sei „die absolut unfreie Form der Gesellschaft", denn sie sei „unfrei durch den Mißbrauch des Höchsten, was der Mensch kennt". Nur der Machtlose kann den Willen des wahren Königs für den Staat aussprechen und Volk und Regierung zur gemeinsamen Verantwortung diesem Willen gegenüber mahnen. Er kann dies aber tun, weil er die Illusionen der gegenwärtigen Geschichte durchbricht und die potentiellen Krisen erkennt. Die Kritik und Forderung geht eben deshalb auf die Gesellschaft, das Miteinanderleben der Menschen. Ein Volk, das Gott selbst im Ernst seinen König nennt, muß zum wahrhaften Volk, zur Gemeinschaft erwachsen, in der zwischen all ihren Gliedern Rechtlichkeit ohne Zwang, Wohlwollen ohne Schein, die Brüderlichkeit der begeistert einem Herrn folgenden Schar waltet. Wo die Ungleichheit, die Scheidung in Freie und Unfreie die Gemeinschaft zersprengt und soziale Abgründe aufreißt, da gibt es nicht wahres Volk, da ist das Volk „Gottes Volk" nicht mehr. Hier ergeht die Kritik und Forderung an jeden einzelnen Menschen, von dem andre Menschen abhängen, an jeden, der das Schicksal andrer mitzubestimmen hat, und das heißt, an jeden überhaupt. Wenn Jesaja Gerechtigkeit sagt, meint er nicht Institutionen, sondern dich und mich, denn ohne dich und mich wird die herrlichste Institution zur Lüge. Und schließlich geht die Kritik und Forderung auf das Verhältnis zu den anderen Völkern. Laßt euch auf keine Bündnisse ein, sagt sie, verlaßt euch nicht auf diese oder jene sogenannte Weltmacht, sondern „haltet euch still", baut euer eignes Volk zu 142

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