Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Die Forderung des Geistes und die geschichtliche Wirklichkeit
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 144 (sequence 9)
- Language
- German
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M. Buber: Die Forderung des Geistes und die geschichtliche Wirklichkeit zwischen seinem Vaterland und einem andern Land, das eher „zu ihm paßt"; für die Verwirklichung ist er auf diesen Ort, auf dieses Volk angewiesen, als auf das Volk, das anfangen muß. Er hat aber auch nicht wie der platonische Geist die Möglichkeit, sich, wenn er sich wie einer fühlt, der unter wilde Tiere geraten ist, in die Haltung des ruhigen Zuschauens zurückzuziehen; er muß die Botschaft sagen. Und die Botschaft wird mißverstanden, mißkannt, mißbraucht, sie bestärkt und „verstockt" das Volk noch in seiner Untreue. Aber ihr Stachel bleibt in ihm für alle Zeiten. Der soziale Denker ist kein Prophet, sondern ein Philosoph. Er hat keine Botschaft, sondern eine Lehre. Aber für die Änderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die er meint, kann ihm nicht die platonische Aufgabe, die Aufrichtung des allgemeingültigen Bildes der Vollkommenheit, sondern muß die jesajanische der Kritik und Forderung in die gegenwärtige Situation hinein bestimmend sein'. Er selbst kann, wo die dringende Frage herantritt, Kritik und Forderung nicht als Botschaft aussprechen, wohl aber auf dem Grunde seiner Erkenntnis. Muß jedoch nicht auch er, wie all die Größeren, scheitern? Bisher hat die Krisis des Menschengeschlechts die Menschen für den Geist nur noch tauber gemacht. Aber das wird sich gewiß noch im Verlauf der Krisis, freilich wohl erst in einer späten Phase ändern: wenn der Mensch nämlich an der Macht und ihren autonomen Entscheidungen verzweifelt, wenn die Macht an sich selber irre wird und nach Weisung begehrt. Der Geist ist kaum, wie Saint-Simon meinte, zum Diktator der kommenden Dinge berufen. Aber er kann ihr Bereiter und ihr Berater sein. Er kann die Menschen für sie erziehen. Und wenn sich eine Änderung vollzieht, ist er es, der darüber zu wachen haben wird, daß nicht auch die veränderten Institutionen der Verderbnis verfallen und das aufstrebende Leben vergewaltigen. Das menschliche Wissen von der Gesellschaft muß heute, in der Verwirrung und Verwischung der sozialen Grundbegriffe, vielfach neu beginnen, mit einer neuen begrifflichen Klärung, mit einer Säuberung der Lettern. Vielleicht wird ihm aber eben diese stille schwere Arbeit zu einer neuen Gestalt verhelfen, wie Lorenz Stein sie vor hundert Jahren ankündigte. „Machtvoll", sagte er, werde das Wissen werden; wir wollen lieber sagen: es wird wirkend werden. Für Jerusalem aber ist noch mehr als das auszusprechen. Es gibt Situationen des Volkslebens, in denen das Volk für eine Stunde gleichsam plastisch und das Unmögliche möglich wird Diese Stunde ist die Chance des Geistes. Vielleicht ist solch eine Stunde nah. An dieses Vielleicht denken wir, wenn wir unsern Dienst tun. Wir würden ihn freilich auch tun, wenn es das nicht gäbe. Denn resigniert oder unresigniert, der Geist arbeitet 144