Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Die Forderung des Geistes und die geschichtliche Wirklichkeit
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 141 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Isaiah 2× ep/1005097
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Die Forderung des Geistes und die geschichtliche Wirklichkeit liehen Leibe. Man hat sich zugeflüstert, der König sei geschlagen worden, weil er sich im Heiligtum zu Jerusalem sakrale Funktionen anmaße, die ihm, als dem nur politischen Statthalter Gottes, nicht zustanden. Jesaja aber empfindet darüber hinaus, daß im Aussatz Usijas die Unreinheit des ganzen Volkes, auch seine, Jesajas eigene, ausgebrochen ist; sie alle sind „unreiner Lippen", sie müßten alle, wie der Aussätzige muß, „den Lippenbart verhüllen", damit in Atem und Wort ihre Unreinheit nicht in die Welt ziehe und sie verunreinige; sie alle sind dem wahren König unbotmäßig und untreu gewesen, in dessen himmlischem Heiligtum Jesajas Augen nun seine Glorie sehen. Hammelech — zum ersten Male in der Schrift steht hier die Bezeichnung Gottes als des Königs Israels so nackt und klar: er ist der König, — der Aussätzige, den das Volk König nennt, ist nur sein ungetreuer Statthalter. Und der wahre König sendet Jesaja nun mit einer Botschaft an das ganze Volk, von der er ihm ankündigt, daß er mit ihr scheitern wird, so scheitern, daß diese vom Volk mißkannte, mißdeutete, mißbrauchte Botschaft das Volk — mit Ausnahme eines kleinen „Restes" — in seiner Untreue nur noch bestärken und „verstocken" wird. Der Träger des Geistes erfährt hier am Anfang seines Weges, daß er scheitern muß. Er wird nicht wie Piaton enttäuscht werden: das Scheitern gehört zu dem Weg, den er zu ge'hen hat. Jesaja glaubt nicht wie Piaton an den Geist als des Menschen Eigentum. Der Mann des Geistes — so ist es von der Urzeit her überliefert — ist einer, auf den der Geist eindringt, den er ergreift und mit dem er sich bekleidet; nicht ist er einer, in dem der Geist steckt. Der Geist ist ein Geschehen, er ist etwas, was am Menschen geschieht, der Sturm des Geistes trägt den Menschen, wohin er ihn tragen will, und dann stürmt er weiter in die Welt. Jesaja glaubt auch nicht wie Piaton an die Macht als des Menschen Eigentum. Macht wird dem Menschen verliehen, damit er seinen statthalterischen Auftrag erfülle; mißbraucht er sie, dann verzehrt sie ihn, und an Stelle des Geistes, der auch zu ihm kam, um ihn zur Macht auszurüsten, sucht nun „ein böses Geisten" ihn heim. Der Machthaber steht in der Verantwortung einem gegenüber, der ihn in der Stille befragt und dem er antworten muß, oder es ist um ihn getan. Jesaja glaubt nicht an den Beruf des geistigen Menschen zur Macht. Er selbst weiß sich als einen Mann des Geistes ohne Macht. Es gehört zum Wesen des Künders, machtlos zu sein und als der Machtlose den Machthabern entgegenzutreten und sie an ihre Verantwortung zu gemahnen, wie Jesaja den Achas an der Straße zum Wäscherfeld. Er selber will keine Macht gewinnen Das eben begründet den besonderen soziologischen Sinn seines Amtes. Jesaja fühlt nicht wie Piaton eine vollkommene Seele sein 141