Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Die Forderung des Geistes und die geschichtliche Wirklichkeit
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 140 (sequence 5)
- Language
- German
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Martin Buber keit zu Hilfe zu kommen, und sich wie einer fühlt, der unter wilde Tiere geraten ist; der werde dann eben Ruhe halten, das Seine betreiben, zuschauen und dieses Leben ohne Unrecht zu Ende leben. Doch als man nun ruft, der Mann werde, wenn er stirbt, nicht Geringes vollbracht haben, wehrt Sokrates ab: „Aber das Größte nicht, da er den Staat nicht gefunden hat, der zu ihm paßt." Das ist Piatons Resignation. Nach Syrakus gerufen, begibt er sich Mal um Mal hin, obgleich er auch dort Enttäuschung um Enttäuschung erfährt. Er geht, weil er gerufen worden ist und weil es immer möglich ist, daß im Ruf der Menschen die göttliche Stimme redet. Was sich darzubieten scheint, ist nach Dions Worten: wenn je, müsse jetzt die ganze Hoffnung auf die Verbindung von Philosophen und Herrschern großer Staaten in Erfüllung gehen. Piaton entscheidet sich, es zu „versuchen"; er habe sich geschämt, so berichtet er, weil er, wenn er nicht ginge, sich selbst so vorkommen könnte, als sei er nur noch Wort. Offenbar sollen wir werden, hatte er einst zu Dion gesagt, auf daß wir so sind wie wir reden. Sollen wir werden, heißt es, nicht etwa: wollen wir werden. Er geht, scheitert, kehrt heim, geht noch und noch einmal, und scheitert. Als er nach dem dritten Scheitern heimkehrt, ist er fast siebzig Jahre alt. Danach erst gelangt der Mann, den Piaton erzogen hatte, zur Macht; aber ehe er die Zerrüttung des Volkes zu meistern vermag, wird er von einem ermordet, der sein Genosse in der platonischen Akademie war. Piaton hat die entartete athenische Demokratie nicht regeneriert, und er hat das Reich, das er meinte, nicht gegründet. Zeigt uns dieses edle Scheitern die" Ohnmacht des Geistes der Geschichte gegenüber überhaupt? Piaton ist das erhabenste Bild jenes Geistes, der in seinem Verkehr mit der Wirklichkeit von seinem Besitz der Wahrheit ausgeht. Der Geist besitzt die Wahrheit, er schenkt sie der Wirklichkeit, durch den Geist wird die Wahrheit wirklich; das ist der Urgrund der Lehre. Aber die Lehre erfüllt sich nicht; der Geist gelangt nicht dazu, der Wirklichkeit das zu geben, was er ihr geben will. Liegt das an ihr nur, liegt es nicht auch an ihm? Und liegt es nicht auch an seinem Verhältnis zur Wahrheit? Das sind Fragen, vor die Piatons Scheitern uns stellt. Es ist ein Scheitern solcher Art, daß es uns davor stellen muß. Aber es gibt auch ein anderes, ganz andersartiges Scheitern des Geistes. „Im Todesjahr des Königs Usijahu" wird Jesaja in einer Vision des himmlischen Heiligtums zum Künder berufen. Der ganze Vorgang weist darauf hin, daß Usijahu noch am Leben ist. Dieser König ist seit langem aussätzig. Der Aussatz wurde bekanntlich in biblischer Zeit nicht als eine Krankheit wie andere angesehen, sondern als das Ausbrechen einer Verstörung des Verhältnisses zwischen Gott und einem Menschen am mensch- 140