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Der Morgen · 1938-07-01 · Heft 4 (Juli 1938) · p. 138

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 4 (Juli 1938)
Article
Die Forderung des Geistes und die geschichtliche Wirklichkeit
Date
1938-07-01
Page
138 (sequence 3)
Language
German
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Martin Buber und Gebundenheit, Schau und Trübung verschmolzen; unsere Sache ist einzig dies, mit allem Vermögen unseres Geistes die freie Schau vollbringen zu wollen. Die so .gewonnene Erkenntnis ist es, auf deren Grunde der soziologische Denker, wo die dringende Frage herantritt, werten und entscheiden, rügen und fordern darf, ohne sich gegen das Gesetz seiner Wissenschaft zu vergehen. So nur bewährt sich der Geist in der Krisis, die ihn und die gesellschaftliche Wirklichkeit mitsammen umfängt. Der Geist spricht sein Wort der Forderung, "das die Wirklichkeit, das Herz der kranken Wirklichkeit von ihm — von ihm als von ihrem Partner, nicht als von ihrem Sprecher — fordert. Der Vertreter des Geistes spricht es zu einem wachsenden Geschlecht des Geistes, das erzogen werden soll, und er spricht es in die Welt hinein, die geändert werden soll. Aber welches Gewicht hat sein Wort, welche Wirkung ist ihm beschieden? Die ideokratische Zuversicht Saint-Simons hat nicht lange standgehalten. Man hat seither aus immer größerer Nähe etwas kennengelernt, was dem Geist massiv, gewaltig entgegensteht und widersteht, man pflegt es irreführend „die Geschichte" zu nennen. Gemeint ist jene Welt, die sich in den letzten hundert Jahren erneut und in immer größerer Vollständigkeit von aller geistigen Souveränität freigemacht hat, die Welt der faktischen Machterringung und Machtausübung. Aus der Forderung der „Wertfreiheit" der Soziologie klingt eine Resignation heraus, die man etwa so in Worte fassen kann: der Geist wirkt ja doch nur, soweit er sich unter das Diktat mächtiger Gruppen, unter das Diktat dessen, was in der "Geschichte waltet, d. h. der Macht stellt, — so wollen wir denn ein Gebiet abgrenzen, in dem der Geist nicht zu wirken, sondern nur zu erkennen hat, und sichern wir ihm immerhin innerhalb dieses Gebietes die Unabhängigkeit! Seither ist die Resignation in Europa noch sehr vorgeschritten; daß das Tempo ihres Schritts in Amerika ein langsameres ist, liegt wohl daran, daß man dort die „Geschichte" noch nicht so intim kennenzulernen Gelegenheit hatte. Der große Historiker Jacob Burckhardt hat bekanntlich einmal gesagt, die Macht an sich sei böse. Sie ist es aber eben nur als „Macht an sich", d. h. wenn sie sich selbst will, wenn sie dem Geist widerstrebt, mehr noch wenn sie sich seiner bemächtigt, ihn durchdringt, ihn mit dem Trieb zur Macht an sich durchsetzt. Dieser Situation und ihrer tiefen Problematik gegenüber muß der soziale Denker, der sein Amt kennt, sich immer von neuem die Frage stellen: Wie kann der Geist auf die Änderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit einwirken? Etwa fünfundsiebzigjährig schreibt Piaton, nachdem durch die Ermordung seines Schülers und Freundes, des Fürsten Dion, 138

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