Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Die Forderung des Geistes und die geschichtliche Wirklichkeit
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 137 (sequence 2)
- Language
- German
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Die Forderung des Geistes und die geschichtliche Wirklichkeit hing des Geistes, an seiner eigenen Wandlung zu arbeiten, ohne die auch die veränderten Institutionen der Leerheit," der Unfruchtbarkeit, der Verderbnis verfallen müssen. Une renovation mentale, wie Saint-Simon meinte, genügt freilich nicht; der Geist, von dem ich rede, ist nicht eine der Potenzen oder Funktionen des Menschen, sondern dessen konzentrierte Totalität. Der Mensch selbst muß sich in ebendem Maße ändern, als die Einrichtungen geändert werden, damit sie die ihnen zugedachte Wirkung tun; zugleich mit den Ordnungen des Miteinanderlebens muß das Wesen des Miteinanderlebens selber eine Wandlung erfahren, wenn das neue Haus, das die Hoffnung des Menschen errichten will, nicht ihre Grabkammer werden soll. Hat der Vertreter des Geistes den neuen soziologischen Blick lediglich dazugewonnen, um nun soziologisch zu politisieren, dann geht das verloren, was er und nur er der Wirklichkeit zu geben vermag, er geht sich selber verloren; er muß auch soziologisch erziehen, er muß miteinander lebende Menschen erziehen, er muß den Menschen erziehen, der mit dem Menschen leben kann. Aber gibt es den Gegenständen gegenüber, die das Verhältnis von Klassen zueinander, das Verhältnis von Völkern und Staaten zueinander betreffen, eine unabhängige Wertung? Kann der Sozialphilosoph seine Erkenntnis und die auf ihrem Grunde zu treffenden Entscheidungen reinhalten? Lebendige soziale Gedanken kommen doch einem nur, wenn er wirklich mit den Menschen lebt, ihren Gruppenbildungen nicht fremd bleibt und sogar eine bewegte Masse nicht von außen allein kennt. Ohne echte soziale Bindungen gibt es keine echte soziale Erfahrung, und ohne echte soziale Erfahrung gibt es kein echtes soziologisches Denken. Und dennoch bleibt es wahr, daß alle Erkenntnis ein asketischer Akt ist. In der Stunde der Erkenntnis muß der Mensch etwas Paradoxes zustande bringen: er muß zwar mit seinem ganzen Sein in die Erkenntnis eingehen, er muß auch die Erfahrungen, die seine Bindungen ihm geschenkt haben, unverkürzt in die Erkenntnis einbringen, aber er muß sich von dem Einfluß dieser Bindungen so sehr freimachen, als er mit der stärksten Konzentration der geistigen Kraft vermag. Zum soziologischen Denker wird ein Mensch nicht, wenn sein Traum und seine Leidenschaft sich nie mit Traum und Leidenschaft einer menschlichen Gemeinschaft vermischt haben; aber im Augenblick des Gedankens selbst darf er, soweit das in seiner Macht steht, nur noch Person sein, erkennende, dem Gegenstand aufgeschlossene Person. Ist das geschehen, dann braucht er nicht darüber zu grübeln, wie weit er entgegen seinem Willen auch noch in der Erkenntnis von seiner Zugehörigkeit zu einer Gruppe mitbestimmt war. In menschlicher Wahrheit, d. h. in dem Verhältnis eines Menschen zu der Wahrheit, die er entdeckt, ist immer Freiheit 137