Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Die Forderung des Geistes und die geschichtliche Wirklichkeit
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 136 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895584-2908349--10706-2908381- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Martin Buber: Die Forderung des Geisfes und die gesdiidülidie Wirklichkeit Dieser Aufsatz gibt, in Einzelheiten gekürzt, Marlin Bubers Antrittsvorlesung vor der Universität Jerusalem wieder. Die moderne Soziologie als selbständige Wissenschaft ist als eine kritische und fordernde Wissenschaft entstanden. Der Mann, auf dessen Einfluß ihre Begründung zurückgeht, Claude Henri de Saint-Simön, war ein sozialer Kritiker und Forderer, der den inneren Widerspruch des Zeitalters wahrnahm und als den entscheidenden Schritt zu seiner Überwindung die wissenschaftliche Erkenntnis der gesellschaftlichen Zustände bezeichnete; nicht mit Unrecht hat einer seiner Zeitgenossen seinen Grundgedanken eine Ideokratie genannt — er sah in dem erkennenden und entwerfenden Geist den Diktator der kommenden Dinge. Die moderne Soziologie entstammt also der Begegnung des Geistes mit der Krisis der menschlichen Gesellschaft, die er als seine eigene Krisis verstand und durch eine geistige Wendung und Wandlung zu überwinden unternahm; die Einsicht in das Wesen der Krisis, ihre Ursachen und die durch sie gestellten Probleme, der Anfang dieser Wendung und Wandlung sollte eben die Soziologie sein. Ein amerikanischer Soziologe unserer Zeit, Edward Roß, meint, ein Soziologe sei „ein Mensch, der etwas ändern will". Das sagt zu wenig und zu viel. Eher darf man ihn als einen Menschen bezeichnen, der erkennen will, was zu ändern ist. Aber es handelt sich darum, eine Welt in der Krisis zu erkennen, und der erkennende Geist weiß, daß er selbst mit in der Krisis steht. Nicht als ob er bloß ein Stück der gesellschaftlichen Wirklichkeit wäre. Er ist vielmehr ihr Partner, dazu bestimmt, von ihr zu lernen, was ist, und hinwieder ihr zu weisen, was sein soll, — und die Krisis umfängt sie beide mitsammen. In dem neuen, soziologischen Blick, den er erwerben muß, um zu erkennen, was hier zu erkennen ist, gewinnt er zugleich ein neues Lebensverhältnis, in dem er auf eine neue Art mit der Wirklichkeit verbunden wird, ohne in ihr unterzutauchen. Er gewinnt eine neue dialogische Relation, die ihn läutert. Wo der Geist aber zum bloßen Sprecher der Wirklichkeit wird, vergißt er, daß die veränderte Richtung der Erwartungen, die Richtung auf die Ordnungen und Institutionen falsch wird, wenn sie ausschließlich wird; nur wenn er der Partner der Wirklichkeit bleibt, besinnt er sich auf sein Amt, an der Wand- 136