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Der Morgen · 1938-06-01 · Heft 3 (Juni 1938) · p. 129

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 3 (Juni 1938)
Article
Das größere Leben
Date
1938-06-01
Page
129 (sequence 3)
Language
German
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markt. Dazu das herrliche Landbrot, etwas Salz, frisches Wasser — der Körper ist befriedigt. Man nennt mich arm — ich weiß — aber wozu brauche ich umständlichen Reichtum? Allerdings — ich muß noch etwas Wichtiges hinzufügen: ich sagte Ihnen vorhin, ich hätte nie um meine Erkenntnisse gerungen. Es gibt zwei fundamental verschiedene Perioden in meinem Leben: Die erste war die ererbte nackte Armut, wo ich als Doppelwaise bei meiner Tante Sara untergekrochen war, einer ehrenhaften Althändlerin, und die zweite, wo ich sie beerbt hatte und durch ihr edles Vermächtnis kaufen konnte, was ich ersehnte: meine Bibliothek." „Und wie war es in der ersten Periode, als Sie Ihre Bücher noch nicht hatten und wirklich noch gar nichts besaßen als Ihren Lebensmut?" Er lächelte wieder sein unvergeßliches, pfiffig erhabenes Lächeln. „Damals war ich unendlich reich. Ich war ja jung. Ich sah das Leben, die Frauen, die Kunst — sofern kein Eintrittsgeld erhoben wurde." „Schmerzte es Sie denn nicht, daß Ihnen soviel unzugänglich blieb von dem, was andere, die es weit weniger genießen können, mit Leichtigkeit erreichen?" Doktor Salomon blieb stehen. Wir befanden uns auf dem Goetheplatz. „Sehen Sie", sagte er mit seiner feinen, vibrierenden Stimme — „das verhält sich anders. Armut ist ein Relativum. Es verbleibt dem Menschen der Vorgang der Rezeption. Jeder Weise auf Erden hat wohl erkannt, daß der Wert der Kunst höher in der Phantasie des Begehrenden und Sehnsüchtigen lebt als in dem wirklich Empfangenden. Wir stehen auf dem Goetheplatz, und ich bekenne Ihnen, daß ich mich schon glücklich fühle, wenn ich in der Trambahn fahre und der Schaffner ruft: ,Goetheplatz!' Nehmen wir Shakespeare. Ich habe meine besten Jahre seinem Studium gewidmet. Eine alte Ausgabe, die ich erbte, blieb mein liebster Besitz. Um aber Shakespeares Dramen auf der Bühne zu sehen, dazu hatte ich, bevor ich meinen Gönner fand, niemals Geld. Ich brauchte es aber auch nicht, denn das Plakat an den Straßenecken ersetzte mir jede Aufführung. Ich stand davor und studierte es. Ich führte mir allmählich das ganze Drama selber auf, und ich wage die Behauptung, daß diese Aufführung hinter der wirklichen nicht zurückstand. Sie war wahrscheinlich sogar jShakespearischer'. Ich liebe Felix Mendelssohn, ich stelle ihn höher als mancher Musikwissenschaftler. Finde ich den Sommernachtstraum oder die Hebriden-Ouvertüre auf einem Programm der Tonhalle oder des Odeons, so bedeutet das immer einen festlichen Abend in meiner Wohnung, die Sie eben gesehen haben. Ich esse Tomaten auf Landbrot und lasse Mendelssohn durch mein Gemüt ziehen — noch heute, denn für Konzerte bekomme ich keine Freikarte. Man braucht weder Theater noch Orchester. Die Phantasie ist der Wiedergabe eines Werkes immer voraus — dazu ist sie treuer als die Wirklichkeit und will keine Bezahlung. Ich möchte nichts weiter sagen. Sehen Sie die wunderbaren Herbstblumen bei dieser alten Händlerin! Ich kenne sie 129

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