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Der Morgen · 1938-06-01 · Heft 3 (Juni 1938) · p. 128

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 3 (Juni 1938)
Article
Das größere Leben
Date
1938-06-01
Page
128 (sequence 2)
Language
German
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und man ließ dieses alte Wahrzeichen willig durch. Eines Abends erlebte ich, was wohl nur wenige vor mir erlebt hatten: Doktor Salomon lud mich ein. Naturlich nicht zu einem Gastmahl, — das hätte mich wohl nur beunruhigt —, sondern weil er eine Teilnahme in mir spürte, die nicht gewöhnliche Neugier sein konnte. Wir sprachen an jenem Abend von seltenen Büchern. Mit stillem Staunen vermerkte ich, daß dieser arme Sonderling eine bedeutende Bibliothek besitzen mußte, eine Sammlung, die einen erheblichen Wert repräsentierte. Was ich auch erwähnte — Salomon besaß es. Plötzlich lächelte er mich in seiner pfiffig erhabenen Weise an und lud mich zum Besuch ein: „Sehen Sie sich doch meine Bücher einmal an." Ich hatte oft von der Seltsamkeit seiner Wohnung gehört, die im ältesten Teil Münchens, bei der sogenannten „Schrannenhalle" lag. Als ich die vier Treppen hinaufkraxelte, beherrschte mich ein merkwürdig beklommenes und doch hoffnungsvolles Gefühl. Nicht nur Bücher erwartete ich, sondern auch den Zauber, der dunkle Türen des Lebens öffnete. Der einzige, ziemlich große Raum, der die Wohnung bildete, bot einen mir völlig neuartigen Anblick. Alle vier Wände wurden, nur ein schmales Fenster freilassend, von Bücherregalen eingenommen, die bis an die Decke vollgestopft waren. Ich konnte keine Möbel entdecken. In der Mitte aber, genau in der Mitte des Raumes — wo hätte es auch sonst sein sollen — stand das Bett. Es war säuberlich bedeckt; auf einem Tischchen daneben befand sich ein Spirituskocher. „Hier bereite ich mir, was ich zum Leben brauche. Toilette mache ich auf dem Hof." „Auch im Winter?" „Warum nicht? Dann tritt mein Wollschal in Aktion." An den erinnerte ich mich: er war grün und ungewöhnlich lang. „Nun aber die Bücher", drängte Salomon. „Was interessiert Sie am meisten? Sie nannten Judaica. Hier ist das Wichtigste, was es auf diesem Gebiete gibt. Es steht zur Hand. Ich brauche die Leiter nicht, obwohl ich kein ungeschickter Kletterer bin." Alsbald sah ich den alten Mann affengleich in die oberste Region der Regale steigen. Dort ordnete er etwas, und bis er wieder herunterkam, betrachtete ich seine hebräischen Schätze. Das Unvergeßlichste aber kam erst auf dem Heimweg. Doktor Salomon begleitete mich mit vollendeter Höflichkeit. Plötzlich fragte er: „Mache ich Sie traurig? Ich habe den Eindruck." „Im Gegenteil!" rief ich. „Ich fühle mich bereichert, seit ich bei Ihnen war! Ich möchte Sie nicht glücklich nennen, — das wäre trivial. Aber die Zuflucht zur Weisheit ist bei Ihnen — die Macht der Bedürfnislosigkeit. Sie haben im höheren Sinne alles, was wir brauchen." „Möglich, aber ich habe um diese Erkenntnisse nie gerungen. Sie waren selbstverständlich. Essen Sie gern Tomaten?" Diese Frage überraschte mich. Ich nickte nur. „Das ist nämlich eine köstliche Frucht und jetzt außerordentlich billig. Ich hole sie mir vom nahen Viktualien- 12S

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