Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Märchen von den vier Brüdern
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 123 (sequence 3)
- Language
- German
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Märchen von den vier Brüdern Darüber verrannen Sommer und Frühherbst, die leichten Winde zogen davon, Ost und Nord trieben ihn erschauernd weiter, unter kalten Regengüssen, ersten Schneefällen suchte er frierend das Ziel und wandte sich südwärts. Aber die freundlichen Winde mieden ihn. Zitternd duckte er sich unter der Wucht der Sandstürme und lag erschlafft von der Glut, die gewaltig über die weite Wüste wehte. Nur die Gewißheit, daß sein Weg bald enden werde, gab ihm die Kraft zum Weiterschreiten. An einem wolkenschattigen Tag, an dem die Winde sich alle vier um die Herrschaft stritten, betrat er ein enges Tal, das schmal zwischen schroffen Bergen lag. Hier staute sich die Luft, es war kühl und still. Trotzdem ergriff ihn Furcht, denn aus düsterm Himmel streifte ihn eisiger Lufthauch. Da wußte er: hier war das Ziel, und rief seine Frage in die Lüfte. Der saugende Wirbel verschlug ihm den Atem, ein gewaltiger Wind ergriff ihn, schleuderte den Körper empor in vielfachen Drehungen, bis er, ermüdet von der eigenen Gewalt, ihn fallen ließ, zerstiebend im rasenden Sturze, so daß keine Spur von ihm blieb. Der dritte ging an alten Brunnen vorüber, die die Städte mit dem Atem des Wassers erfüllten, verweilte bei jedem und spiegelte sein Gesicht in den flachen Brunnenschalen. An Bächen zog er hinab, an Flüssen, verträumte die Nächte an blanken Seen und schilfumstandenen Weihern. Mühlenräder rauschten, die Sonne blinkte ihm entgegen von den glitzernden Wellen, Mond und Sterne belauschte er, wenn sie den Silberschein in den feuchten Spiegel tauchten. Das Wasser ward ihm zum Abbild der bewegten Welt, sein Weg war lieblich und seine Sehnsucht zerfloß ohne hohe Spannung in linden Tränen; seinen Durst stillten rieselnde Quellen, über dem Dahinschweifen vergaß er die Ursache seiner Wanderung. Erst als an den verhangenen Herbsttagen die Wasserfläche dunkler schien und wie erloschen und nicht mehr Erquickung bot, sondern durchdringende Feuchte ausströmte, gedachte er wieder seiner Sendung. Seine Sehnsucht verdichtete sich zu Schwermut und Traurigkeit, als der erste Frost den hellen Spiegel blendete und mit Reif behauchte und ihm beim Hineinblicken das Wasser nicht mehr sein eignes Bild tröstlich entgegenhielt. Und als eines Morgens kein Wasser ihm Das Maiheft enthielt u. a. Stimmen über der Zeit / HEINRICH LEMLE tmd IGNAZ MAYBAUM, Wahrheit über Zion / HUGO STRIEMER, Laut und Wort L Ln Jtlliheft schreiben u. a.' MARTIN BUßER, Die Forderung des Geistes und die geschichtliche Wirklichkeit / HANS BACH, Moritz Heimann / SUSE MICHAEL, Umgang mit Kindern / HERBERT FRIEDEN¬ THAL. Salomon Maimon (Novelle). 123