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Der Morgen · 1938-06-01 · Heft 3 (Juni 1938) · p. 122

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 3 (Juni 1938)
Article
Märchen von den vier Brüdern
Date
1938-06-01
Page
122 (sequence 2)
Language
German
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Marianne Rein Erfahrungen, wenn nicht durch Worte, so durch Zeichen. Dann zogen die drei Brüder aus, der vierte winkte lang unter der Tür. Der erste schlug den Weg ein zur feurigen Flamme. Er erkannte die Richtung an mancherlei Zeichen. Schmiedeessen warfen roten Schein aus ihrem rußigen Dunkel; Kohlenmeiler im tiefen Wald wiesen ihn weiter mit langsam schwelender Glut; an einem Zigeunerlager brannte lodernd das gelbe Feuer, genährt von gestohlenen Scheiten und niedergerissenen Zweigen. Der Weg zog sich lange hin; im Herbst verriet der rauchige Geruch ihm die Kartoffelfeuer, bevor er sie sah, und einmal, in einer hellen Schneenacht, färbte sich der Himmel von dem gewaltigen Brand einer ganzen Stadt. Da wußte er, daß er sein Ziel bald erreichen werde. Im Gebirge stand er vor dem verfallenen Eingang eines verlassenen Bergwerks, Irrlichter tanzten blauzüngelnd auf dem moorigen Grund. Er stieg hinab durch die Dunkelheit, schritt die Gänge entlang in die Tiefe der Erde bis zu dem Reich der feurigen Flamme. Lange stand er und schaute. Da züngelten Flammen im Kreise in allen Stufungen von Rot und Blau und Gelb, in reinen und in verwischten Farben. Sie brannten, man sah nicht wovon genährt, es schien, sie verbrannten am eignen Feuer, lautlos, ohne Prasseln und Knistern. In ihrem Kreis türmte sich ein Berg von schwärzlicher Asche; er wuchs langsam und stetig, und über seiner Mitte schwebte ein leuchtender Schein, nicht Licht nicht Flamme, nicht hell nicht dunkel, ein Unnennbares. Auch strahlte vom Feuer nicht aus, was des Feuers Seele ist: Wärme. Er beugte sich über die Flammen und tat seine Frage, das Gesicht auf den schwebenden Schein geheftet. Doch ward ihm keine Antwort, da befiel ihn Angst; er wollte enteilen wie ein Frevler, der Unheiliges begehrt, aber nun brannten die Flammen heller auf, griffen nach ihm und seinem Gewände und zogen ihn mit starker Gewalt in ihren Kreis. Einen Augenblick stand er ganz durchglüht, jeder Muskel, jeder Nerv, jede Blutbahn ward sichtbar, sein Herz erglühte rot, dann ward er zur Flamme und brannte lautlos mit, den schwebenden Schein zu nähren, der über dem Aschenberg hing. Der zweite Bruder suchte den Weg zur wehenden Luft. Er trug den Kopf im Nacken; aufwärtsblickend ging er dahin und folgte den treibenden Wolken in Richtung der Winde. Er ging unter dem feuchten Westwind und ließ sein Gesicht vom Regen betauen, der Südwind fächelte ihn trocken und entzückte mit Düften sein Herz. An windstillen Tagen rastete er, lag im Walde und schaute zum Himmel oder stand in Städten unter offnen Torbögen, durch die Zugluft streifte, und ließ die Menschen an sich vorüberziehen, ohne sie zu beachten. Denn auch im Gewirr der Häuser und Gassen suchte sein Blick die Richtung am Himmel. 122

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