Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Laut und Wort
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 120 (sequence 13)
- Language
- German
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Hugo Striemer Einem Tropfen, der in seiner Fülle erstarrt ist, gleicht die Traube. Als drängend (t) und stets bewegt (r) empfindet man an ihr den Fluß der Beeren, Blätter, Zweige; ihre Linien sind geschwungen, abgesetzt, vielfach bauchig, in ihrer Ganzheit aber zeigt die Traube Fülle und Geschlossenheit (b). Die Laute haben ihre eigne Logik. Im Deutschen beispielsweise gehören zu den Reihen breche—brach—gebrochen, steche —stach—gestochen (deren Vokalwechsel sich gleichfalls deuten läßt), die Substantiva Bruch, Spruch, jedoch nicht Stuch — wie man erwarten sollte — sondern Stich. „Eine Ausnahme!" sagt man, aber in der Natur und somit in der Sprache gibt es das genau genommen nicht. Ausnahmen sind in Wahrheit Auswirkungen anderer Gesetze. Hier ist es ein Durchbruch des Grundgesetzes der Vokale. Bruch nämlich ist Gebrochenes, Spruch Gesprochenes, beides sind durchaus passive Zustände. Der Stich hingegen sticht, ist etwas höchst Aktives, deshalb ist das sehr passive U hier nicht am Platze und wird durch das sehr aktive I ersetzt. Ähnliches ist beispielsweise im Hebräischen zu beobachten bei den sogenannten ajin-waw-Verben, bei denen sich zwischen den zweikonsonantigen Wortkern ein Waw einschiebt (v, gesprochen o, auch u). Die Grundform des Infinitivs verwandelt sich nach Präpositionen in eine Kurzform. So bildet etwa qom aufstehen, erstehen, sich erheben, die Kurzform qum mit U, weil dies intransitive Wort als passivisch, als zuständlich empfunden wird. Hingegen wird in allen energiegeladenen Verben, mögen sie selbst intransitiv sein, die Kurzform mit I (hebräisch Jud) gebildet: szom tun, schor singen, chol tanzen, gol frohlocken wandeln sich zu szim, schir, chil und gil. Ja", es gibt Verben, die in der Kurzform bald U bald I enthalten, wie Ion. In seinem aktiveren Sinn bedeutet es: (den Kopf) anlehnen, da heißt es lin; der mehr passive Sinn ist übernachten, da heißt es lun. So fragt (1. M. 24, 23) Elieser die Rebekka, ob in ihres Vaters Hause Platz sei, sich anzulehnen (lälin), also auszuruhen, sie aber antwortet, da sei sogar Platz zu übernachten (Iälun). Gegen den Versuch einer lautlichen Analyse des Wortes, wie wir sie zuvor an einigen Beispielen durchgeführt haben, mag der Einwand erhoben werden, sie sei ausgeklügelt, es sei mehr als unwahrscheinlich, daß bei der Wortschöpfung das Volk gerade die so herausgelesenen Vorgänge habe ausdrücken und in ein einziges Wort zusammendrängen wollen. In der Tat ist das undenkbar, niemals könnte sich das als Willensakt in einem menschlichen Bewußtsein vollziehen. So wenig nämlich ein Kind sich beim Sprechen dessen bewußt ist, was wir nachträglich richtige Anwendung der Grammatik nennen — dieser gar nicht so leicht nachzudenkenden Sprachlogik —, und so wenig Mensch 120