Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Laut und Wort
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 121 (sequence 14)
- Language
- German
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Märchen von den vier Brüdern oder Tier, um zu leben, etwas vom Blutkreislauf oder von den vielfältigen Aufbauprozessen ihres Körpers wissen müssen, ebenso wenig baut der Mensch das sinnerfüllte Wort seiner Sprache mit Bewußtsein auf aus sinnerfüllten Lauten. Im unbewußt sprachschöpferischen Menschen oder Volk wirkt sich, nach einer zeitlich unabsehbaren Entwicklung, ein höheres „Denken" als sein eignes aus. Diese Quelle der unbewußt gestaltenden Kräfte des Menschen, mit denen er unvergleichlich Höheres geschaffen hat und schafft als mit Bewußtsein, dies in ihm Wirkende mag dieser das allgemeine Weltgesetz benennen, jener den Weltgeist, ein dritter nous poeticos, ein vierter vielleicht Entelechie — so viele gelehrte Namen hat der Gott der Frommen. Dichter, Kinder, unverbildet ursprüngliche Menschen sind zu allen Zeiten unbewußt dessen völlig inne, was wir an das Licht zu heben, zu erkennen; suchen. Es ist wohl möglich, daß die neue Lehre (oder wer sie anwendet) in Einzelheiten bei der Deutung irrt, das läßt sich verbessern; aber gewiß geht sie den richtigen Weg. Indem wir das durch Zeitalter hindurch bis heute nur unbestimmt Erfühlte nicht ohne Scheu beginnen in ein Wissen umzuwandeln, erfüllen uns die immer mehr sich vertiefenden Einsichten und die noch nicht zu übersehenden Ausblicke mit Staunen und Bewunderung, Andacht und Entzücken vor dem Wort als Schöpfung. Marianne Rein: Märchen von den vier Brüdern Es lebten vier Brüder, die grübelten über den Sinn des Lebens, saßen in ihrem Haus und zerdachten sich die Stirn. Da sagte der eine und strich mit der Hand über sein rotgleißendes Haar: „Ich will gehen und die feurige Flamme nach dem Sinn befragen". Der zweite sagte: „Ich hole mir Antwort von der wehenden Luft", warf den Kopf in den Nacken, und sein Gesicht leuchtete. Der dritte: „Den ewigen Wassern will ich lauschen und ihrem Rieseln", und seine Augen glänzten sehnsüchtig wie in Tränen. Der letzte schwieg. Als si« in ihn drangen, wen er befragen wolle, sagte er ruhig: „Ich diene der lebendigen Erde und warte in Geduld", dabei sah er durchs Fenster, das weit offenstand und den Blick freigab auf sommerliche Wiesen, belaubte Bäume, einen blanken Fluß und die Türme der nahen Stadt. Andern Tags nahmen sie Abschied voneinander, und da sie nicht wußten, ob sie sich je wiedersehen würden, schworen sie, sich gegenseitig Nachricht zu geben über ihr Schicksal und ihre 121