Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Laut und Wort
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 119 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Laut und Wort Bewegung, einen bald wieder absetzenden Bogen. Wenn wir mit den Augen die Form eines runden bauchigen Gegenstands verfolgen, so umschreiben wir, von irgendeinem Ruhepunkte aus, solch einen kurzen Bogen. Somit kann einer solchen Linie rein vokalisch das Au entsprechen. Es findet sich tatsächlich in vielen Wörtern, die ursprünglich wenigstens Gerundetes bezeichnen oder enthalten, wie Bauch, Rauch, kraus, Saum, Zaun und so fort. Bevor wir das an einigen Beispielen näher erläutern, sei noch auf eine weitere Funktion der Vokale hingewiesen. Der Ort nämlich, an dem sie innerhalb des Wortes stehen, macht sie für den Wortsatz zu Satzzeichen. Welche Konsonanten näher verbunden, welche voneinander getrennt zu deuten sind, ergibt sich aus der Stellung der Vokale. Sie weist beispielsweise bei gewissen Wörtern mit K und 1, wie kleiden, schließen, schleifen, darauf hin, daß K und 1 näher zusammengehören, bei andern Wörtern dieser Gruppe, wie kalt, schalten, schelten, deutet sie auf eine Sonderung des K vom 1 und gleichzeitig auf die nähere Verbindung von 1 und t in einem Kern lt. Der hier gegebene Umriß der Lautlehre, so knapp er die Konsonanten und so unvollständig er notgedrungen die Vokale behandelt, reicht immerhin aus, zum Schluß an einigen Beispielen zu zeigen, wie ein Wort sich lautlich analysieren läßt. Wir wählen dabei als Vokal zur Erleichterung den schon besprochenen Zwielaut au: Rauch. — R rollende, stetige Bewegung, au krause, kurze Bögen, ch gasförmige Masse. Rauch ist demnach eine dauernde Bewegung von "krausen Bögen, halben Ringen, die eine gasförmige Masse bilden — eine vollkommene Beschreibung, gepreßt in einen abgekürzten Satz, eben das Wort Rauch. Schwierigere Wörter: Traum, Traute, Traube. — Ihnen ist der Kern tr und der Vokal gemeinsam. Tr bedeutet: t Gegenständliches, energiegeladen, r bewegt sich stetig, au uriterbrochne Bögen, Schwünge, Stockungen. Die drei Endkonsonanten geben Auskunft über die' Eigenart des einzelnen Begriffs. Das m ist die Geschlossenheit des weiten, erweiterungsfähigen Raums. Traum bedeutet also: Dinge, sich drängend, ständig in Bewegung, doch auch wieder stockend, abgesetzt, episodenhaft; das Ganze aber ist, wenn auch ohne Beginn und Ende, ohne scharfe Abgrenzung, immerhin geschlossen als Gesamterscheinung. — Bei Traufe ist das f entscheidend, ein offner Raum. Auch hier tr eine bewegte Masse, drängend, au manchmal stockend, nunmehr aber f frei abfließend. Das b in Traube malt den abgeschlossenen, gefüllten Raum. Hier liegt nahe, an das Wort Tropfen zu erinnern, wo die drängende bewegte Masse (tr) sich erst zur Fülle sammelt (p, b), um dann frei abzufließen (f). 119