Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Laut und Wort
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 118 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895583-2908265--10666-2908323- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hugo Striemer besonders den Schwankungen des Gefühls, der raschen Aufeinanderfolge von Verkrampfung und Entspannung und umgekehrt Mit Hilfe des dynamischen Pendels der Vokale vermögen wir die Gefühlsbewegungen geradezu zu messen. Sein Verharren auf einem Punkt ergibt gedehnte Vokale, aa, oo, uu usw., und erzählt von einer dauernd gleichgerichteten Gefühlseinstellung. Bewegt der Pendel sich nach der aktiven Seite, so drückt dieser Aufschwung sich in „ei" und „ai" aus; schwingt er nach der passiven Seite, so sinken auch die Laute zu „ao" und „au" ab. Je weiter der Abstand der Laute auf der Skala ist, zwischen denen das Pendel schwingt, um so stärker ist die Gemütsbewegung, die sich darin ankündigt. Sehr starke Lust, sehr starker Schmerz kann bis zum Durchmessen der ganzen Lautfolge führen, zuweilen bis in das Bereich der Konsonanten hinein; man denke an Ausrufe wie oü, ui! und sogar waj! (einen Schmerzensruf, aus dem das begriffliche Wort Weh, wehe sich entwickelt hat). Es sind Interjektionen, mit denen man sich gegen Schmerzen gleichsam aufbäumt, sie zu lähmen sucht. Zuweilen kehrt der Pendelausschlag sogar noch einmal zurück, etwa bis zum Gleichgewicht, das man rasch wieder zu erlangen sucht, und wir erhalten dann einen Dreilaut, wie beispielsweise in dem Schmerzruf ,.aua'" Wenn die Gefühlsbewegung sich mehr beschleunigt, so wird der Zeitabstand zwischen den Lauten noch verkürzt; dadurch entstehen wieder scheinbar reine Vokale, die in Wahrheit verborgene Diphthonge sind, au wird o (oh!), ai wird e (eh!). Unerschöpflich ist die Zahl der Vokalverbindungen, zumal da auch die Einwirkung von Konsonanten und Vokalen auf sie Veränderungen schafft. Das statische und das dynamische Pendel der Vokale erschließen jede Vokalverbindung und bilden die Ausgangspunkte zur Erforschung der bei den Selbstlauten so häufigen Veränderungen, Fortentwicklungen und Rückbildungen. An Umfang übertrifft die Lehre von den Vokalen um ein Vielfaches die von den Konsonanten. Es würde schon ein ganzes Buch ausmachen, wollte man auch nur wenige Vokalverbindungen erforschen, den Zusammenhang zwischen den Grundgesetzen und den Verhältnissen in einer Einzelsprache herausarbeiten. Hier sei als Beispiel ausschnittweise lediglich die Verbindung „au" behandelt: Au bedeutet, gefühlsbetont: a man befindet sich in Ruhe, im Zustand der Entspannung, u aus diesem Zustand wird man durch einen starken Eindruck, durch Stoß, Schmerzzüfügung und Ähnliches niedergedrückt, in eine duldende Lage versetzt; die Reaktion ist der Ausruf „au!". Es ist, als ob die Seele eine kurze Kurve, den Pendelbogen von a bis u durchmessen habe. Mehr erkenntnismäßig bedeutet „au" deshalb auch eine kurze stockende IIS