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Der Morgen · 1938-06-01 · Heft 3 (Juni 1938) · p. 116

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 3 (Juni 1938)
Article
Laut und Wort
Date
1938-06-01
Page
116 (sequence 9)
Language
German
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Hugo Striemer verbirgt sich noch das Urwort, das Raumgegenstand bedeutet, also: Körper. Hier namentlich ist aber durch Abschleifung besonders häufig ein Teil weggefallen, entweder der Substanzlaut oder der Raumlaut. Die Zahl fünf heißt noch lateinisch quinque, mit beiden Lauten, aber französisch cinq, nur noch mit dem Substanzlaut, und deutsch eben fünf, nur noch mit dem Raumlaut Wir haben bisher nur die Konsonanten behandelt, naturgemäß nur allgemein, in den gröbsten Umrissen und ohne Rücksicht auf die Besonderheiten der einzelnen Sprachgruppen und Sprachen oder gar Mundarten. Die Konsonanten geben dem Wort nur das Gefüge, das Skelett. Aber Fleisch und Blut erhält es erst durch die Vokale. Sie tragen die Gefühlswerte, durch sie erst wird das Wort zum lebendigen Organismus. Hier gilt Ähnliches wie in der Biologie. Die Knochen der Säugetiere sind beständiger als die Weichteile; die Skelette der einzelnen Tiere sind einander weit ähnlicher als ihre durch die Weichteile mitbestimmten äußeren Formen, die dem Einzeltier in unsern "Augen erst das Gepräge geben. So sind auch in einem Worte die Konsonanten viel beständiger als die Vokale. Während die Selbstlaute als die lebendig pulsierenden Wortteile sich mit der Geschwindigkeit des Minutenzeigers wandeln, verändern die Mitlaute sich höchstens — durch Abschleifung, Angleichung usw. — mit der Schnelligkeit des Stundenzeigers. Und viele bedeutungsmäßig verwandte Wörter in verschiedenen Sprachen, ja auch schon in einer und derselben Sprache, weisen das gleiche Wortgerippe auf oder doch ein sehr ähnliches. Verschieden sind nur die Vokale; sie aber geben in unsern Augen dem Einzelwort am meisten das Gepräge, so daß der Ungeübte die Verwandtschaft häufig übersieht. Am meisten kennzeichnend für jede einzelne Sprache sind ihre Vokale. Die volkhaften, die mundartlichen Besonderheiten, die sich unter dem Einfluß von Raumlage, Boden, Klima entwickelt haben, prägen sich am meisten in den Selbstlauten aus. Genau genommen kann das Studium der Vokale nur innerhalb einer bestimmten Sprache und nur für sie erfolgen. Immerhin gibt es allgemeine Vokalgesetze, die aus physiologischen Gründen für alle Sprachen gelten. Es gibt reflektorisch bedingte Urvokale, und nur wer ihre Bedeutung versteht, kann die Selbstlaute in den einzelnen Sprachen studieren. Auch hier ist also zunächst der logisch-deduktive Weg der Theorie einzuschlagen, der weitaus kürzer ist als der induktive; denn dieser führt durch das Gestrüpp zahlreicher Einzelbeobachtungen in jeder Sprache. Die Vokale sind von den Konsonanten nicht grundsätzlich, nur gradweise verschieden. Sie bilden innerhalb der Konsonanten, zwischen V und J, ein Lautspektrum von U bis I. Den V-Laut, jenseits U, kann man mit dem Ultrarot des Farbenspektrums, den J-Laut, jenseits I, mit dem Ultraviolett vergleichen. Eingebettet 116

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