Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Laut und Wort
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 109 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Laut und Wort Mauer oder Wand unmittelbar die Vorstellung, und diese umgekehrt das Wort aus. Die Vorstellung ,Wand' ist keine unteilbare Ganzheit; sie setzt sich aus einer Reihe einzelner Eindrücke zusammen. Auch das Wort, als Lautkomplex, läßt sich zerlegen, es besteht aus einzelnen elementaren Lauten. Diese Laute nun (im Schriftbild: q, i, r) sind ihrerseits durch ganz bestimmte elementare Reize ursprünglich hervorgerufen, haben sich einst durch dauernde Einwirkung dieser Reize gefestigt zu bedingten Reflexen. Die Laute (q, i, r) verbinden sich zum ganzen Wort (qir). Die Eindrücke, die sie hervorgerufen haben, müssen sich, wenn hier kein Zufall waltet, genau so zu einer Erscheinung, einer Vorstellung verbinden, die dem ganzen Wort entspricht. So verhält es sich in der Tat grundsätzlich. Nur wird dieser Sachverhalt nicht jedem und nicht immer gleich erkennbar. Oft wird er erst nach eingehender Laut- und Bedeutungsprüfung klar, die Sachkenntnis und Schulung voraussetzt. Hier sei nur das Wichtigste erwähnt: die Gesamterscheinung, zu der die lautbedingenden Einzeleindrücke sich fügen, braucht nicht die gegenwärtig durch das Wort vermittelte Vorstellung zu sein; es ist immer die ursprüngliche Vorstellung, die das Wort vermittelt (bei qir vielleicht die Vorstellung der Festungs-Ringmauer). Welcher Art sind nun die den elementaren Laut erzeugenden Eindrücke? Die dem Wort entsprechende Vorstellung erwächst aus einer Vielheit von Eindrücken; aus welchen, darüber geben wir uns gewöhnlich keine Rechenschaft. Das Auge nimmt an einer Zimmerwand nur eine Fläche von bestimmter Ausdehnung und Farbe wahr. Wir wären aber überrascht, wenn sie sich beim Betasten als eine Wand aus Pappe oder Leinwand, statt aus hartem Stoff (Holz oder Mauerwerk) erweisen würde. Zu den Eindrücken, aus denen die Vorstellung sich gebildet hat, gehört also auch Härte. Die Härteempfindung war überdeckt, doch als Enttäuschung verrät sie sich sofort. Eine Erscheinung, die der Mensch hinreichend häufig wahrnimmt — beispielsweise ein Gegenstand wie eben Wand —, löst nämlich eine Summe von bedingten Reflexen in ihm aus; diese Reaktionen vollziehen sich durch alle Sinne, im ganzen menschlichen Körper und so auch in den Sprachorganen. Hier werden sie als Laute wahrnehmbar, und diese Laute geben, sich organisch sinnvoll verbindend, die Gesamtwahrnehmung wieder als ein ganzes Wort. Das Wort ist somit ein zusammengedrängter Satz, der eine Summe von Eindrücken aussagt. Durch welche Eindrücke die einzelnen Laute reflektorisch bedingt sind, läßt sich auf zwei Wegen feststellen, dem empirischinduktiven der Praxis und dem logisch-deduktiven der Theorie. 109