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Der Morgen · 1938-06-01 · Heft 3 (Juni 1938) · p. 110

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 3 (Juni 1938)
Article
Laut und Wort
Date
1938-06-01
Page
110 (sequence 3)
Language
German
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Hugo Striemer Die neue Lehre verdankt ihre Geschlossenheit dem Umstand, daß sie ihre Ergebnisse erst theoretisch errechnet, dann auch experimentell bestätigt hat. Welches sind — so fragte sie — die allgemeinsten Eindrücke, solche nämlich, die stets und überall so überwältigend häufig sind, daß sie bei allen Menschen zu einer unzerstörbaren Festigung der gleichen Assoziationen, also zu den gleichen bedingten Reflexen führen müssen? Alles sinnlich Wahrnehmbare, heißt die Antwort, läßt sich trotz seiner großen Mannigfaltigkeit zurückführen auf nur drei Grunderscheinungen: erstens die Materie, den Stoff, aus dem etwas besteht, zweitens die Nichtmaterie, den Raum, der es umgibt oder den es einnimmt, und drittens die Wechselwirkung zwischen beiden, die Bewegung (oder Ruhe). Dazu treten, als innere Bewegung, die G e f ü h 1 e. Es fragt sich, welche Laute jeder dieser Grunderscheinungen entsprechen. Mit anderen Worten: wo wird in den Sprachwerkzeugen der Reaktionsreiz auf Materie, Nichtmaterie, äußere und innere Bewegung derart ausgebildet, daß ihre Eindrücke sich gerade an diesen Stellen der Sprachorgane auswirken und somit die hier hervorbringbaren Laute erzeugen müssen? Im Bereich der Sprachwerkzeuge empfinden wir die Reize der Materie, der Substanz, vorzugsweise an Gaumen und Kiefern; am Gaumen mehr passiv — als Berührung, als Widerstand —, an den Kiefern (Zähnen) mehr aktiv — als Energie, als Angriff —, das heißt mit der Tendenz der Einwirkung auf die Substanz. In erster Reihe müssen deshalb Gaumen und Kiefern bei der Wahrnehmung des Stofflichen reflektorisch in lauterzeugende Bewegung kommen. Die so entstandenen Laute haben demnach Bezug auf die Materie, wobei die Gaumenlaute mehr statisch die verschiedne Stoffbeschaffenheit feststellen, die Kieferlaute mehr dynamisch das Streben ausdrücken, auf die Materie zu wirken, den Gegenstand einzubeziehen (wie das Kind sich bemüht, ihn in den Mund zu nehmen, auf ihn zu beißen). Hier gibt es Abstufungen: bald wird nur auf den Gegenstand gebeutet (weshalb der Zahnlaut häufig in Hin weis Wörtern auftritt wie: der, die, das, dies, du, da, dort), bald wird das Objekt angegriffen, zerstört, zermalmt. Die Wahrnehmung des Raumes erfolgt, mit dem Empfinden der Widerstandslosigkeit, wenn die Luft sich frei bewegen kann. Naturgemäß erfolgt die Reaktion darauf an den Stellen, wo die Luft hindurchgeht, an den Lippen und der Nase. Darum müssen Nasal- und Lippenlaute vorzugsweise den Luftraum wiedergeben. Was für den Luftraum gilt, überträgt sich bald auf den Raum überhaupt. Die genannten Laute können deshalb auch die Ausdehnung bezeichnen; Ausdehnung aoer ist auch, neben der Substanz, Eigenschaft des Gegenstandes. no

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