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Der Morgen · 1938-06-01 · Heft 3 (Juni 1938) · p. 108

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 3 (Juni 1938)
Article
Laut und Wort
Date
1938-06-01
Page
108 (sequence 1)
Language
German
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Hugo Striemer: Laut und Wort IL Die Lehre von der Lautbedeutung Das ursprüngliche Wort ist der Entstehung nach zurückführbar auf das Grundverhältnis von Reiz und Wirkung. Hier liegt der Zugang zu Brosers Lehre. Von diesem Grundverhältnis aus läßt sich nicht nur jede Lautsprache, sondern jede Sprache überhaupt, jedes noch so verwickelte Ausdruckssystem aufrollen. Außer den Lauten nämlich bilden auch andre Ausdrucksmittel geschlossene Sprachsysteme. Sprachen sind in diesem Sinne beispielsweise auch die Malerei als Ordnung von Linien, Flächen, Farben, die Musik als Ordnung von Tönen. Das meist gebrauchte, höchst vervollkommnete Sprachsystem freilich ist die menschliche Lautsprache. Alle Sprachen aber gehen zurück auf Reizwirkungen gleicher Art, auf „bedingte Reflexe", wie Pawlow sie genannt hat. Bekanntlich können Reiz und Wirkung auf zwei Arten, die nicht dem Wesen, nur dem Grad nach unterschieden sind, eine Einheit bilden, als einfache Assoziationen und eben als bedingte Reflexe. Ein Bettler, an dem wir zufällig vorbeigehen, singt ein Lied; nachher begegnet uns irgendwo dasselbe Lied. Dann kann der Bettler uns wieder einfallen, dank seiner Verknüpfung mit dem Lied (Assoziation). Gehen wir aber täglich an diesem Bettler vorbei und singt er immer dasselbe Lied, so wird und muß zuletzt das Lied uns überall den Bettler, übrigens der Bettler auch umgekehrt das Lied in Erinnerung bringen (bedingter Reflex). So stark ist, durch die ständige Wiederholung, die Wirkung jedes dieser beiden miteinander verknüpften Reize geworden, daß die Assoziation sich notwendig, blitzhaft einstellt. Geläufiger ist es übrigens, den Niederschlag dieser Mußverbindung „Symbol" zu nennen. Jede Sprache ist ein System gleichgearteter Symbole. Die Lautsprache ist es sogar doppelt: Wörter und Laute bilden ein zwiefaches System. Zunächst steht jedes Wort in seiner Sprache als Symbol für eine sinnliche oder geistig-begriffliche Erscheinung. Das Wort, als Schallreiz, tritt verbunden mit dem Eindruck dieser bestimmten Erscheinung auf, in stetiger Wiederholung, bis zuletzt Erscheinung und Wort (z. B. für das Kind, den Ausländer) sich notwendig verknüpfen, bis sie zu bedingten Reflexen geworden sind. So löst das Wort „qir" für den Hebräischsprechenden durch ständige Verknüpfung mit der Erscheinung 10$

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