Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Grenzen der Normalisierung
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 99 (sequence 7)
- Language
- German
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Grenzen der Normalisierung daß in Palästina nur Platz für ChaluzinY sei, d. h. für Menschen, die bereit sind, auf allen Gebieten mit Energie und maximaler Kraftanstrengung zu arbeiten, hat die Änderung in der Zusammensetzung des Jischuw jetzt zu einer Änderung in ihrem Denken geführt. Weite Schichten betrachten die Normalisierung als eine bestehende und selbstverständliche Tatsache und sehnen sich danach, in „Ruhe" zu leben wie andere Völker. Im Ausland wußte der jüdische Arzt, Ingenieur, Techniker und Rechtsanwalt, daß er nur dann eine Chance hatte, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn er in seinem Fache tüchtiger war als sein nichtjüdischer Kollege. Ebenso weiß auch der jüdische Kaufmann, Industrielle und Bankier, daß von der Verbesserung seiner Produktion, der Verbilligung seiner Waren und der besseren Bedienung seiner Kunden die Existenzmöglichkeit seines Unternehmens abhängt. Und gewiß ist, daß jüdische Beamte und Wissenschaftler sich in ihren Positionen nur halten können, wenn sie in ihrer Leistung und in ihrer Ausdauer, in ihrer Treue zur Arbeit Zusatzleistungen aufweisen. Das hat sich in Palästina geändert. Die scheinbare Normalisierung führte nicht selten dazu, daß der Jude in Erez Jisrael sich frei glaubt von der Notwendigkeit einer zusätzlichen Arbeitsleistung auf allen Gebieten. Nicht nur diejenigen, die schon lange im Lande wohnen oder hier geboren sind, sondern gerade solche Juden, die vor drei oder fünf Jahren noch in Berlin, Hamburg, Warschau oder in irgendeiner anderen Stadt gewohnt und dort schwer in ihrem Berufe gearbeitet haben, möchten oft hier im Lande ihre „Ruhe" haben, was sich in einem Sinken ihrer Arbeitsqualität bemerkbar macht. Wenn es dem jüdischen Einwanderer gelungen ist, sich einzuordnen, geht er sofort zu einem „normalen" Leben über und befreit sich von der „Galut", d. h. von der Investierung einer erhöhten Arbeitsleistung. Derselbe Beamte, der noch vor einigen Jahren in seinem Dienst im Ausland Talent, Initiative und überdurchschnittliche Ausdauer entwickelt hat, wird in Palästina zu einem Durchschnittsbeamten, der wohl seine Pflicht erfüllt, sich jedoch nicht übermäßig bemüht. Das gleiche gilt auch von den Menschen, die sich im öffentlichen Leben betätigen bzw. betätigt haben. Es gibt Hunderte und Tausende, die sich im Ausland sehr aktiv in den Dienst der Gemeinschaft stellten, aber sobald sie ins Land kamen, sich nur noch ihren Geschäften zuwandten, alles andere abschüttelten und dem, was im öffentlichen Leben vor sich geht, gleichgültig gegenüberstehen. Sicher gibt es psychologische, soziologische und andere Faktoren, die einen Teil der im Auslande Tätigen daran verhindern, ihre Aktivität in Palästina fortzusetzen. Sicher ist die „zionistische Erziehung" im Ausland — vor allem in den letzten Jahren — 99