Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Grenzen der Normalisierung
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 97 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Grenzen der Normalisierung Während so in bezug auf die eine Sonderbedingung, unter der das jüdische Leben Palästinas steht, nämlich was seine Wechselbeziehung zur Diaspora anlangt, die Vorteile die möglichen Nachteile weit überwiegen, so stellen das Fehlen einer staatlichen Macht und das Vorhandensein eines zweiten Volkes unzweifelhaft negative Faktoren dar. Gerade die letzten Jahre der Unruhen haben gezeigt, wie wichtig eine eigene starke staatliche Macht für eine normale Entwicklung des Landes und wie unerläßlich eine starke Regierungsmacht für die Entwicklung jedes Volkes ist. Doch fehlt die eigne politische Macht nicht nur den Juden, sondern dem Lande überhaupt. Einerseits wendet die Mandatarmacht das Prinzip der offenen Tür an, so daß aus allen Ländern der Welt Waren zu Dumping-Preisen verkauft werden, andererseits kann England mit Palästina praktisch so umgehen wie mit seinem eigenen Besitz. Es wird in alle Kombinationen des britischen Imperiums mit einbezogen, ohne daß es als wirklicher Teil dieses Imperiums betrachtet wird und ohne daß es die Rechte genießt, die den britischen Dominions zustehen. England, das das Mandat nicht nur wegen der „engen Bindung des englischen Volkes an die Bibel" übernahm, verteidigt wesentliche Interessen im Nahen und Fernen Osten, und Palästina kann ihm als eine Art Basis oder Brücke dienen. So kommt es, daß England nicht so sehr an dem Lande selbst interessiert ist wie an einer Entwicklung, die ihm hilft, seine Ziele zu verwirklichen. Da diese Ziele aber außerordentlich vielseitig sind und sich ständig ändern, so ist seine Palästinapolitik nicht nur von der Lage im Lande selbst und seinen Nachbarländern abhängig, sondern von Zuständen und Vorkommnissen, die in tausend Meilen Entfernung sich vollziehen und mit Palästina in keiner direkten Verbindung stehen. Die Palästina-Regierung ist ein sehr empfindlicher Apparat, von dem aus Tausende von Fäden in alle Teile der Welt hinausgehen und der auf jede Erschütterung an irgendeinem Orte reagiert. Das Fehlen eines eigenen staatlichen Faktors zeigt sich noch deutlicher in den Beziehungen zu dem andern Volk, das auf dem gleichen Gebiet lebt und dadurch den Lebensraum noch weiter einschränkt. Während ein normales Volk alle Möglichkeiten, die innerhalb der Grenzen seines Landes vorhanden sind, ausnutzen kann und nur dann, wenn seine Bestrebungen über diese Grenzen hinausgehen, auf die Interessen seiner Nachbarn stößt, werden die Juden in Palästina schon innerhalb des Landes durch entgegenstehende Interessen behindert. Denn wenn wir auch annehmen, daß im Grunde genommen die Notwendigkeiten beider Völker nicht im Gegensatz zueinander stehen, so genügt doch die Tatsache, daß es zwischen Juden und Arabern Unter- 97