Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Grenzen der Normalisierung
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 96 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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B. Weinryb heit die Notwendigkeit, ihre wirtschaftliche Basis zu erweitern, so wirkt sich das, wenn es nicht durch Eroberung anderer Länder geschieht, in einer schrittweisen Zurückdrängung "der Minderheit aus, die ihrerseits dadurch gezwungen wird, den Mangel an politischer Macht und wirtschaftlichem Raum durch erhöhte Leistungsfähigkeit, durch größere Energie und einen zusätzlichen Kräfteaufwand wettzumachen. Die Entstehung einer einheitlichen Wirtschaft und ihre zunehmende Intensivierung in den letzten hundert Jahren führten dazu, daß auch weit entfernte Orte plötzlich in das Zentrum rückten und daß ein verstärkter Kräfteeinsatz nicht nur von "den Minderheiten, sondern auch von den herrschenden Völkern gefordert wurde. In dem Maß, in dem die Möglichkeit, zusätzliche Energie zu investieren, für die Minderheiten schwand, wuchs ihr Streben nach „Normalisierung". Der Lebensraum der Juden in Palästina ist anders geartet als der der Juden in der Diaspora. In Palästina gibt es eine territoriale Basis: das Land mit all seinen Eigenschäften, seinen Vorteilen und seinen Nachteilen bildet den Hintergrund, wie andere Länder für andere Völker. Aber in zwei Punkten unterscheidet dieser Lebensraum der Juden sich von dem ariderer Völker: er wird begrenzt durch den Mangel einer staatlichen Grundlage und durch das Vorhandensein noch eines anderen Volkes, das die Entwicklungsmöglichkeiten schmälert, und er wird erweitert durch die Verbindung Palästinas mit der Diaspora (obwohl dieser Faktor bisweilen auch zu einer Einengung führen kann). Der Umstand, daß das Land nicht nur aus eigenen Kräften aufgebaut wird, sondern daß sowohl Menschen wie Geldmittel von außen kommen, bedeutet auf der einen Seite einen großen Segen für das Land. Denn während jedes andere Volk sich mit den Kräften begnügen muß, die ihm innerhalb seiner Landesgrenzen zur Verfügung stehen, haben die palästinensischen Juden ein Kräftereservoir außerhalb der Grenzen des Landes, das sie in den Stand setzt, ihre Möglichkeiten zu erweitern. Auf der andern Seite aber ergibt sich dadurch eine gewisse Abhängigkeit vom Ausland: Palästina kann nicht, wie andere Länder, wenn es nötig sein sollte, eine Art Autarkie schaffen und die Tore gegen Einwanderer schließen (falls die Regierung so etwas nicht von sich aus tut). Andererseits führt eine Änderung oder Erschütterung im Leben der Juden in der Diaspora immer zu entsprechenden Rückwirkungen auf das Leben der Juden in Palästina, sei es durch Verkleinerung der Alija oder durch Unterbrechung des Kapitalzustromes. 96