Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Grenzen der Normalisierung
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 95 (sequence 3)
- Language
- German
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Grenzen der Normalisierung welchem Maße sie diese zusätzliche Arbeit qualitativ und quantitativ zu leisten vermochten. Daß in der Geschichte mehr als einmal der Niedergang von Eroberernationen und der Aufstieg anderer Völker auf die historische Bühne festgestellt werden kann, beweist, wie stark sich die erzwungene Gegenwirkung mitunter durchsetzen konnte. Doch manchmal ist die zusätzliche Intensität nicht auf alle Lebensgebiete gerichtet, sondern ist gezwungen, sich auf bestimmte Gebiete zu beschränken. Dies tritt vor allem dann ein, wenn von dem unterdrückten Volk nur noch Reste vorhanden sind oder wenn es sich um kleinere Gemeinschaften, z. B. religiöse und ideologische Gruppen, handelt. In solchen Fällen kommt es zu einer einseitigen Spezialisierung. Auf einem oder mehreren Teilgebieten wird die Minderheitengruppe auf grund ihrer zusätzlichen Anstrengung zu einer führenden Macht, während im übrigen ihre Kraft und Bedeutung sehr viel kleiner ist als die des herrschenden Volkes. Ein solcher Vorgang sp'ielte sich bei den Juden in der Diaspora ab. Ihre Existenz als Sondergruppe inmitten eines herrschenden Volkes führte zu einer Verengung ihres Lebensraumes. Auf wirtschaftlichem Gebiet äußerte sich das darin, daß sich ihre Verteilung auf die verschiedenen Berufe anders gestaltete als in ihrer Umgebung. Die Mehrheitsnation, hinter der die staatliche und gesellschaftliche Macht steht, ergreift überall die ihr gemäßen wirtschaftlichen Positionen und überläßt den Minoritäten die übrigen, sei es, daß sie sie nicht ergreifen wollte oder zur "Zeit noch nicht ausüben kann. So kam es, daß die Juden in den Ländern der Diaspora im allgemeinen andere Funktionen in der Wirtschaft erfüllen als die Völker, unter denen sie leben. Immer gab es Berufe, die zu spezifisch „jüdischen" wurden, und andere, zu denen die Juden keinen oder nur sehr beschränkten Zutritt hatten. Eine derartige wirtschaftliche Isolierung ist bei fast jedem Volk und jeder ethnischen oder religiösen Gruppe, die in ein fremdes Land kommt und sich dort — nicht als Sieger — niederläßt, festzustellen: so bei einem Teil der Armenier, bei den Wiedertäufern im 16. Jahrhundert und bei den Holländern und Hugenotten, die. sich zu Ende des 17. Jahrhunderts in Deutschland niederließen. Ob sie sich an ihrem neuen Wohnort mit ihren alten Berufen befaßten oder neue auszuüben begannen — es lag nicht in ihrer Hand, solange sie als Fremde empfunden wurden, in alle Zweige des wirtschaftlichen Lebens einzudringen. Zwischen der Mehrheit und der Minderheit entwickelt sieb ein wirtschaftlicher Kampf, der bei jeder Verschiebung im Gesamtgefüge in Erscheinung tritt. Ergibt sich z. B. für die Mehr- 95