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Der Morgen · 1938-06-01 · Heft 3 (Juni 1938) · p. 94

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 3 (Juni 1938)
Article
Grenzen der Normalisierung
Date
1938-06-01
Page
94 (sequence 2)
Language
German
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B. Weinryb man nur schwer oder gar nicht überschreiten kann. Unabhängigkeit bedeutet deshalb in diesem Zusammenhang nur Unabhängigkeit innerhalb solcher Grenzen. Für ein Volk, das auf seinem Territorium wohnt, stellt das Land und seine Grenzen, sein Reichtum, seine Stellung unter den Nachbarländern, seine außen- und innenpolitische Macht jenen Lebensraum dar, innerhalb dessen sich das Volksleben im allgemeinen und das wirtschaftliche Leben im besonderen gestalten. Von den Möglichkeiten, die dieser Lebensraum bietet, hängen Qualität und Quantität der Gütererzeugung, Güterverteilung, Berufsschichtung und Lebensstandard ab. Mit dem wirtschaftlichen Leben wiederum steht die Erschließung anderer Lebensgebiete, die Entwicklung der Kultur und der gesellschaftlichen Beziehungen in Verbindung. Auch das Leben der Juden in der Diaspora entspricht in allen seinen Erscheinungen den Möglichkeiten, die ihnen ihr Lebensraum bietet. Aber der Lebensraum der Juden ist dort nicht identisch mit dem Lebensraum der Staatsnation, er ist nur von ihm abhängig. Der Jude kann nicht alle Möglichkeiten ausnutzen, die das Territorium, in dessen Bereich er wohnt, bietet, sondern nur die, die von den Bewohnern des Landes noch nicht ergriffen oder ihm überlassen wurden. Der Lebensraum der Juden ist also im allgemeinen kleiner als der absolute Lebensraum der andern Völker, er ist nur ein Teil davon. Das gleiche gilt auch für die Kultur und Sprache der Juden. Sie sind nicht immer ganz 'identisch mit der Kultur und Sprache des Landes, in dem sie wohnen. Diese kleine oder größere Abweichung weist ihnen besondere Aufgaben zu, die nicht alle Lebensgebiete berühren, sondern nur einen mehr oder weniger kleinen Teil. In einer Welt, in der der Kampf ums Dasein in schärfster Form geführt wird, hätte die Einengung des Lebensraums die physische und geistige Existenz der Juden in der Diaspora gefährden können, wenn nicht ein starker Lebenswille ihre Anpassungsfähigkeit an die bestehenden Verhältnisse entwickelt hätte. Jedes Individuum, das, innerhalb eines bestehenden gesellschaftlichen und rechtlichen Machtbereiches, in einer relativ schwereren Situation lebt als die andern, ist gezwungen, intensiver zu arbeiten und mehr Energie und Arbeitskraft aufzuwenden, um sich am Leben zu erhalten. Unterdrückte Völker, deren Land erobert wurde, waren immer gezwungen, durch zusätzliche Energien und größeren Kraftaufwand ihren Platz zu behaupten. Auf diese Weise schufen sie ein Äquivalent gegenüber der größeren Macht des herrschenden Volkes. Das Fortbestehen der unterdrückten Völker war immer davon abhängig, ob und in 94

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