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Der Morgen · 1938-06-01 · Heft 3 (Juni 1938) · p. 93

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 3 (Juni 1938)
Article
Grenzen der Normalisierung
Date
1938-06-01
Page
93 (sequence 1)
Language
German
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B. Weinryb: Grenzen der Normalisierung (Zur Soziologie der Juden in Palästina) Seitdem die Juden im Laufe des 18. Jahrhunderts sich von der Religion abzuwenden begannen und die Hoffnung auf übernatürliche Wunder schwand, wuchs das Streben nach einem normalen Leben, danach, „wie alle Völker'' zu werden. An die Stelle des Gefühls der Auserwähltheit trat die Parole „wir wollen sein wie die andern". Hatten die Juden bisher die Ursache ihrer Leiden in Vergehen gegen Gott gesehen, die nur durch Buße gut gemacht werden konnten, so betrachteten sie jetzt die Vergehen gegen die menschliche Natur als die Ursache allen Übels und bemühten sich, sich selbst zu „verbessern" und „normale" Menschen zu werden. Anfangs glaubte man dieses Ziel mit Hilfe der Aufklärung und der Anpassung an die kulturelle und gesellschaftliche Atmosphäre der anderen Völker zu erreichen. Als sich auf diesem Wege schwer überwindliche Hindernisse zeigten, suchte man andere einzuschlagen: von der Normalisierung „unter den Völkern" ging man dazu über, sich „als Volk" zu normalisieren, d. h. auf eigenem Territorium ein spezifisches Leben zu führen. Wer den Hauptmangel bisher in der unnatürlichen Berufsschichtung gesehen hatte, hoffte, daß die Juden in ihrem eigenen Lande gesunden und eine normale Wirtschaftsstruktur erreichen würden. Wer in erster Linie Fehler auf geistigem Gebiete beklagt hatte, den Verlust einer selbständigen Kultur und einer gemeinsamen Sprache, der erklärte dies gleichfalls durch die anormale Situation in der Diaspora und setzte sich die „Erlösung" zum Ziele. Und noch andere Ideale gingen in dieses Streben nach Erlösung mit ein: nicht zuletzt hoffte man, die soziale Ungerechtigkeit durch den Übergang in eine Situation zu beseitigen, in der man wie alle anderen Völker über seine eigene gesellschaftliche Verfassung bestimmen könnte. „Normales" Leben, wie „alle Völker" es leben, bedeutet nicht, daß die Juden produzieren, konsumieren und ihre Kinder erziehen wie sie — hierin gibt es keinen einheitlichen Weg —, sondern bedeutet, daß ihnen die objektive Möglichkeit gegeben sein soll, all dies aus eigener Bestimmung zu tun, daß sie in ökonomischer Hinsicht nicht mehr zurückgedrängt, auf kulturellem Gebiet nicht mehr auf fremden Schutz angewiesen sein werden. Zwar ist eine völlig freie Willensentscheidung keinem Volk gegeben; es gibt natürliche territoriale und gesellschaftliche Grenzen, die 93

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