Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1938-06-01 · Heft 3 (Juni 1938) · p. 91

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 3 (Juni 1938)
Article
Drinnen und draußen
Date
1938-06-01
Page
91 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895580-2895583-2908260--10632-2908296
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Drinnen und draußen gar nicht davon ab. Was man mit einer solchen moralischen Hypothek erzeugen kann, ist nichts als Krampf, und davon haben wir schon mehr als genug. Man muß den Auswanderern aus- und nicht einreden, daß sie eine besondere Mission haben. Vielleicht wird die Geschichte zeigen, daß sie doch eine haben; aber sie werden hundertmal bessere Missionare sein, wenn das aus innerer Notwendigkeit und nicht aus dem Gefühl einer von außen auferlegten Verpflichtung herauswächst. Der einzige Segen des job-hunting, des Ringens mit dem Englischen, der Schwierigkeit des Erlernens all der tausend kleinen Dinge, die dem Einwanderer so schwer fallen, ist gerade die Ablenkung von dem Sichverstricken in Deutungsversuche des eigenen SchicJcsals und des der eigenen Gruppe, die dem Einwanderer oder Auswanderer so naheliegen. Natürlich wird jeder intelligente Mensch versuchen, den Sinn herauszubringen, der hinter der Tragödie steckt; aber die Aufgabe aller Berater ist, ihm dazu zu helfen, daß er erst selbst zur Ruhe kommt, seine neue Situation versteht, bevor er sich ein „Programm" macht. Glauben Sie nicht auch, daß ein gut Teil dessen, was man die „innere Palästinakrise" nennen kann, auf die moralische Hypothek zurückzuführen ist, unter deren Druck sich so viele Palästinaeinwanderer fühlten? Die allererste Notwendigkeit der seelischen Auswandererhilfe ist, dem Einwanderer eine natürliche Haltung zu ermöglichen; dann soll er schließlich den Weg zu der Auffassung der jüdischen Zukunft finden, der ihm gemäß ist. Jede andre „Erziehungsarbeit" produziert Neurotiker, und von denen haben wir ohnehin schon zuviel. In dem andern Briefe heißt es: Es ist beschämend zu erfahren, wie wenig der Jude aus Deutschland hier draußen jüdisch leben will. Es ist für ihn selbstverständlich, daß die jüdischen Organisationen für ihn eintreten, wenn er es verlangt, daß sie ihm bei dem Aufbau eines neuen Lebens und einer neuen Existenz behilflich sind. Gedankenlos nimmt er all ihre Einrichtungen in Anspruch; aber daß er sich einmal überlegt, daß er dafür auch etwas leisten muß, daß er für alle diese Hilfeleistungen der jüdischen Öffentlichkeit gegenüber Rechenschaft schuldig ist, daß er als Jude ein jüdisches Leben leben muß, daran will er nicht erinnert werden. Neben den Sorgen um das tägliche Brot, neben den seelischen Nöten oder gerade wegen dieser seelischen Nöte müßte der ausgewanderte Jude jüdische Menschen suchen, um sich mit ihnen zu einer wie auch immer gearteten Gemeinschaft zusammenzuschließen. Stets zu zeigen, daß man Jude ist, das ist die Notwendigkeit unserer Zeit! 91

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.