Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Drinnen und draußen
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Drinnen und draußen Ob man im Kreise gleichgerichteter Menschen Begebenheiten aus der Vorzeit in sich wieder lebendig werden läßt, die uns die Tradition überliefert hat und die sich zum Teil in so eigenartiger Weise an uns wiederholen, ob man gemeinsam Festesbräuche übt oder jüdische Tagesfragen erörtert — das Ergebnis ist immer das eine, auf das es ankommt: jeder derartige Zusammenschluß hilft jüdische Menschen mit ihrem Judentum zu verbinden. Vielleicht erwächst aus einer noch so kleinen, noch so losen Gemeinschaft einmal eine Gemeinde, die wirksam mithilft, jüdische Lebenswerte einer Nachkommenschaft weiterzugeben, die ohne sie dem Judentum hoffnungslos verloren wäre. Ein Gespräch und zwei Briefe! Es ist kein Zufall, daß das Denken verantwortlicher Menschen drinnen und draußen immer wieder um die einzige Frage kreist, in der die heute Lebenden und Wandernden den Erlebnisgehalt des jüdischen Schicksals in diesem Lande zu verwirklichen vermögen: die Frage, wie ihr Judentum sich dort bewähren wird, wo eine äußere Verpflichtung nicht mehr dazu zwingt, es zu bekennen. So gewiß der erste Brief, von hohem Ernst und unbedingter intellektueller Redlichkeit getragen, die Gefahr „moralischer Hypotheken" wahrheitsgetreu enthüllt, so gewiß der zweite Brief keine Lösungen gibt, sondern höchstens eine Willensrichtung skizzenhaft andeutet, so gewiß wird Für und Wider noch lange nicht zur Ruhe kommen. Und das ist gut so. Nichts wäre verhängnisvoller als ein Erstarren in selbstgefälligen Formeln, die man transportfähig verpackt in den Koffer steckt Alle, die ihre jüdische Verpflichtung nicht anlegen und wieder ablegen können, je nachdem es die Zeit- und Landesverhältnisse opportun erscheinen lassen, sondern denen sie ein Teil des eigenen Wesens bedeutet, dort wo es am hellsten ist und am geheimnisvollsten zugleich — unnötig zu sagen, daß alle diese ihre Forderung nach jüdischem Leben in den Ländern der zwiefachen Zerstreuung nicht aufgeben werden. Aber zur Erfüllung der Forderung werden wie immer und überall nicht die am besten helfen, die sie fertig und selbstzufrieden mit einem schnellen Ja überdecken, sondern die, die sie unruhigen Herzens mit ihrem Zweifel umkreisen und vertiefen. Solange das Gespräch um sie nicht verstummt ist, braucht einem um die jüdische Zukunft nicht bange zu sein. 92