Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Drinnen und draußen
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Drinnen und draußen Liebe Freunde! Wenn ich die öffentliche Erörterung über die innere Haltung, die man in der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands vom Auswanderer gemeinhin fordert, richtig übersehe, so scheint mir eine Frage dabei eine entscheidende Rolle zu spielen: die Leistung der Zurückbleibenden für die Fortziehenden erfolgt aus dem Gefühl heraus, daß alle Juden in Deutschland unier dem gleichen Schicksal stehen und daß aus diesem Gedanken der jüdischen Notgemeinschaft eine besondere Verpflichtung jüdischer Existenz im Auswanderungslande erwächst. Schließlich werden auch Leute, die auf einem Wrack herumtreiben, sich gegenseitig helfen ans Land zu kommen, wenn die Umstände es ermöglichen, selbst wenn diejenigen, die zuletzt an der Reihe sind, gar nicht genau wissen, ob die zuerst Gelandeten ihnen werden helfen können nachzukommen. Das gilt jedenfalls so lange, als diese Gemeinschaft den Sinn für würdiges Verhalten nicht verloren hat. Die Juden sind nicht eine solche zufällige Notgemeinschaft. Sie sind erstens eine historische Notgemeinschaft, und zweitens sind sie in jedem Fall noch etwas anderes als eine Notgemeinschaft, wie immer man dieses andere definieren oder beschreiben mag und wie groß oder wie klein man es sieht. Gewiß übernimmt der zuerst an Land Gekommene Verpflichtungen: alles, was er kann, zur Hilfe für andere zu tun. Dazu kommt die andere Verpflichtung, im neuen Land sich nicht am Saatgut zu vergreifen, selbst wenn man hungert — und alles was damit zusammenhängt. Selbstverständlich wäre es auch auf das schärfste zu mißbilligen, wenn irgend jemand es im neuen Land an der Dankbarkeit gegenüber den jüdischen .Kreisen fehlen ließe, die ihm geholfen haben. Aber der denkbar schwerste Fehler, der überhaupt in der Auswandererarbeit gemacht werden kann, wäre eine Haltung der Hilfsstellen, die gleichsam eine moralische Hypothek auf die Einstellung des Auswanderers zu jüdischen Fragen legen würde. Wieviel, sagen wir einmal, positives Judentum aus der heutigen Judennot entstehen wird, ist eine Frage, die wir alle der Geschichte überlassen sollten. Das Wort positives Judentum ist in diesem Zusammenhang natürlich sehr schlecht; jüdische Posilivität wäre ein wenig besser, ein gutes fällt mir nicht ein, aber Sie werden es schon verstehen. Wie wir auch immer selbst dazu stehen, in keinem Fall ist eine solche Entwicklung bewußt zu regeln. Selbst ein Gefühl moralischer Verpflichtung kann schließlich nur das äußere Verhalten des Ausgewanderten beeinflussen, die Entscheidung hängt aber 90