Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Erinnerung eigenen Lebens
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 76 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Picard zu Rabbenu Ascher ben Jechiel (etwa 1250—1327), den der bedeutende badische Oberlandrabbiner Nathaniel Weil verfaßt hat; der stammte aus meiner engeren Heimat, wurde geboren 1697 zu Stuhlingen im Schwarzwald, nahe dem Heimatstädtchen Tiengen meiner Mutter. Sein Werk ist in jeder Jeschiwa des Ostens seit fast zweihundert Jahren zu finden. Ach, und mit welch gnädiger Überheblichkeit die Unwissenheit der Großstädter diese Stoffe aus den Dörfern und kleinen Städten des Südens entgegennahm und die in ihrer Art sicheren Menschen betrachtete! Man hat das oberflächlich Ghettogeschichten genannt. Dabei ist es doch so, und das muß einmal sehr klar betont werden, daß Ghettojude in Deutschland nie der Landjude war, sondern nur der Stadtjude. Der Begriff Ghetto schon ist nur mit dem der Stadt denkbar. Dieses scheinbare Paradox muß aufgeklärt werden: Ghetto-Jude sein, das heißt sich verbergen, dem anderen sein eigentliches Wesen verhüllen wollen und heißt Angst haben, unsicher sein über sein innerstes Leben und damit nach außen hin, und anderen gegenüber damit schwach, weil man sich für minder hält. Der Ghetto-Jude ist der ewig Ängstliche, sei es vor direkter Gewalt, sei es selbst vor der Entdeckung seines Judeseins. Solches Verhalten aber zeigte stets nur der Stadtjude und nicht allein in früheren Zeiten, sondern auch seit über hundert Jahren bis jetzt, der also, der, nachdem die formelle Emanzipation ihm seine äußere Freiheit gegeben hatte, doch im Geistigen unfrei blieb. Der verbarg sich und gab allzu leicht sein Judentum ganz auf; ja es kann ruhig gesagt werden, daß es in Deutschland schon längst keine Juden mehr gegeben hätte ohne die Landjuden und wenn nicht die Stadtgemeinden ergänzt worden wären eben aus dem zuströmenden Reservoir der auf ihr Wesen noch stolzen Menschen der kleinen Siedlungen, vor allem des Südens und für die norddeutschen Städte natürlich des Ostens. Denn aus seinem Minderwertigkeitsgefühl, das er sich hatte von außen aufzwingen lassen, hatte jener Mensch die Sucht, sich zu verschmelzen, die sich gerade im snobistischen Berliner Judentum offenbarte, wie dann später noch allgemeiner; man braucht keine sichtbaren Namen zu nennen, die ja ohnedies nur Repräsentanten einer allgemeinen Haltung waren. Und hinzu kamen materielle Gründe, die die Schwachen veranlaßten, sich aufzugeben; doch sind diese Dinge zu bekannt, als daß weiter darüber gesprochen werden müßte. Im kleinen Kreis der Dörfer aber und der Städtchen hätte es, abgesehen von der durchaus hemmend wirkenden Stärke des Glaubens, gar keinen Sinn gehabt für den Einzelnen, sich zu verbergen und den anderen vorzutäuschen, man sei ganz einer der ihren; denn jeder kannte den anderen zu genau als seinen nächsten Nachbarn. Der Getaufte vollends wäre in einem Dorfe 76