Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Erinnerung eigenen Lebens
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 75 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Erinnerung eigenen Lebens tage. Ja, das ließ man schließlich gelten, wenn es in Polen und Rußland war. Aber in Deutschland? Es war geradezu lästig; zu schweigen von der „schweren" Art meiner eigenen Sprache. Aber jedes Werk, das man dichterisch nennen kann, hat seinen eigenen Ton, durch den es sich von jedem anderen unterscheidet und zu erkennen ist. Und was das andere anlangt, so gibt es keine Art menschlichen Wesens und menschlichen Geschehens, das nicht wert ist, dargestellt zu werden; es kommt nur darauf an, ob der, der das unternimmt, die Kraft und die Schau hat, es mit Blut zu erfüllen und ihm jene höhere Wahrheit zu verleihen, die es über das Persönliche hinaus zum allgemein menschlichen Beispiel macht. Überhaupt tat man erstaunt darüber, daß es anderswo auch noch Juden gab, die gläubig waren bis in unsere Tage und stolz darauf, sich bekennen zu können gegenüber der Umwelt. Obgleich man gerade in Norddeutschland in den letzten Jahrzehnten sich nach außen gerne „getarnt" hatte, und es gar unsereinem geschehen konnte, daß man monatelang mit einem Menschen aus den großen Städten dort verkehrte, der es geschickt verstand, seine Herkunft als Jude zu verbergen, so erfuhr ich, daß die nun plötzlich den Anspruch erhoben, allein den Typ der Juden in Deutschland zu vertreten. „Ach, daß es das noch gab in Süddeutschland, das haben wir gar nicht gewußt!" Das hörte ich immer wieder. Dabei gab es „das" in blühenden Kehillaus bis und über 1900 hinweg, ja, bis zum Kriege gar, in hunderten von Orten mit ganz einheitlicher Kultur, wo jetzt freilich nur noch Reste davon sind. Diese Unkenntnis rührte wohl daher, weil das Ostjudentum und seine Abkömmlinge in Deutschland, die meist im Norden und vor allem in Berlin leben, mit dem Anspruch auftrat und immer wieder auftritt, allein Vertreter jüdischer Kultur noch gewesen zu sein. Dabei verhält es sich doch so, daß dieser östliche Teil unseres Volkes nichts anderes ist als ein Stück des aschkenasischen Judentums überhaupt, wie wir selbst, daß es im wesentlichen ein deutsches Idiom spricht und gar ein oberdeutsches, wie das meine, über Jahrhunderte hin bewahrt, nämlich das der Heimat seiner Väter, aus der sie einst vertrieben worden sind. Der Sprachgeist aber bildet über das Begriffliche hinaus den Menschen; und daher rührt es wohl auch, daß manche in meinen Erzählungen den Ton unserer östlichen Epiker gefunden haben. Aber auch was das Religiöse anlangt, so ist es durchaus nicht so, daß das Ostjudentum ausschließlich der gebende Teil war, wie es als eine scheinbar feststehende Tatsache stets hingenommen wird; es lebte auch mit von unseren westlichen Rabbinen sowohl in früheren Jahrhunderten, wie in den letzten. Ich nenne als mir nahe liegendes Beispiel nur den „Korban Nethanel", jenen Talmudkommentar zum „Rosch", das heißt 75