Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Erinnerung eigenen Lebens
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 77 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Erinnerung eigenen Lebens eine unmögliche, ja verächtliche Erscheinung bei beiden Bevölkerungsteilen gewesen. Nur in der größeren Stadt ließen Juden sich taufen im letzten Jahrhundert; wobei seltene Ausnahmen selbstverständlich auch auf dem Lande vorgekommen sein mögen. Gerade aus diesen Gründen aber nahmen die Menschen dort auf dem Lande unsereinen für voll in seiner Art und achteten ihn. Es hat seinen guten Sinn, daß Joselmann von Rosheim ein Landjude war, die kräftige Gestalt, und daß in unserer Zeit etwa Ludwig Frank es gewesen ist. Darum ergab sich das verträgliche Zusammenleben. Ein stilles gleichmäßiges Leben war es freilich, das wenig berührt wurde vom Zeitgeschehen, solange das keine grundstürzenden Änderungen säkularer Art mit sich brachte; und es war ein Leben ohne falsche Ansprüche, das sich nach außen hin nicht bemerkbar machte, sondern von dem, der es kennen lernen wollte, aufgesucht werden mußte. Und — dies darf hier wohl einmal richtig gestellt werden — es ist auch nicht so, wie nun wieder mit leichtfertiger und oberflächlicher Formulierung schnell erklärt wird, daß jetzt die Emanzipation erledigt sei, und das Ghetto wieder beginne. Im rechtlich formalen Sinne ist das alles freilich widerrufen; aber im subjektiven Sinne, der für unseren Bestand wichtiger ist, sind wir, wie mir scheint, jetzt erst emanzipiert, wenn wir nur die Zeichen recht verstehen. Jetzt erst heißt es, sich bekennen, jetzt hilft kein Verbergen mehr; jeder sagt stolz: „Ich bin ein Jude", wie der Landjude es immer getan hat. Um nun wieder auf mein Buch zurückzukommen, so möchte ich, Früheres wieder aufnehmend und ergänzend, denen, die mich fragten, weshalb ich überhaupt diese Stoffe gewählt habe, erwidern: die haben mich gewählt; und die Fragen sind ebenso töricht, wie wenn man etwa Karl Emil Franzos gefragt hätte, warum er galizische Dorfjuden und nicht Berliner literarische Snobs dargestellt habe. Man tat sehr verwundert, zu sehen, wie das Landschaftliche ein wesentliches Merkmal meiner Erzählungen ist, ja man fand, daß noch nie ein Jude Prosa dieser Art geschaffen habe. Das Letzte mag richtig sein. Aber verwunderlich ist es durchaus nicht, daß ein jüdischer Dichter das Empfinden der Landschaft in dem Maße hat. Aber dieses freilich ist vielleicht bemerkenswert, daß Juden jetzt" erst, nach fast hundert Jahren der äußeren und inneren Freiheit und der Möglichkeit, sich auszusprechen, das immanente Erlebnis des Landschaftlichen haben konnten, daß also drei Generationen vergehen mußten, bis es soweit war, selbst bei Menschen, deren Väter seit Jahrhunderten auf dem Lande lebten. Heine hatte es noch nicht. Aber das moderne Landschaftsgefühl ist überhaupt eigentlich erst im vergangenen Jahrhundert erwacht. (Schluß folgt) 77